Zwischen Wahnsinn und Methode: Thelonius Monk, nachempfunden von Jazzman Marcus Woelfle (Text) und Claus Raible (Piano), mit Johannes Enders (sax), Milos Colovic (b) und Xaver Hellmeiner (dr); Kurator: Andreas Schiller, Münchner Jazzsalon im Deutschen Theater

„Monk, einen der wichtigsten Neuerer des Jazz, umgibt bis heute
eine Aura des Rätselhaften.“

Marcus Wolelfe, Jazzjournalist/Radio-Host und Jazzgeiger

Ihm widmete jetzt Kurator Andreas Schiller, in seiner Münchner Jazzsalon Reihe, im fast ausverkauften Silbersaal, einen rundum gelungenen Abend. Gutes hatte schon eine Aussage Schillers vor Konzertbeginn erahnen lassen:

„Man meint, Monk selbst zu hören!“

Die Äußerung bestätigte sich alsbald und bezog sich auf das virtuose Spiel Claus Raibles. In teilweise schwindelerregendem Tempo perlte dieses über die Tasten, wie beispielsweise bei Monks technisch herausfordernder Komposition „Four In One„. Dazu erläuterte Jazzjournalist Marcus Woelfle, der mit biographischen Kurztexten zu Thelonious Monk durch den Abend führte:

(…) Monk gilt als einer der größten Jazzkomponisten der Moderne. [Doch] da seine Stücke den meisten Musikern zu avantgardistisch und zu schwierig waren, setzten sie sich erst spät im Jazz durch. Einige von ihnen, z. B. ‚Four In One‘, gelten heute noch als derart „unspielbar“, dass MusikerInnen einen großen Bogen um sie machen. (…)“

Die Ausführungen Woelfles veranschaulichte punktuell Claus Raible am Flügel, sozusagen am lebenden Objekt, so dass die musikalischen Eigenarten aus Monks Werk auch für ein breites Publikum nachvollziehbar wurden.

(…) Ebenso gilt Monk als einer der wichtigsten Pianisten des Modernen Jazz, ja als ausgesprochener Klavier-Avantgardist. Dabei ist kaum bei einem anderen wirklich modernen Pianisten die Verbindung zum traditionellen Jazz so eng! Seine Methode, bei Improvisationen Bezug zum Thema zu nehmen, statt wie die meisten anderen Bebopper, nur über das Harmonieschema zu improvisieren, steht den Gepflogenheiten im Oldtime Jazz nahe. (…)“

Marcus Wolelfe, Jazzjournalist/Radio-Host und Jazzgeiger

Buchstäblich von Haus aus, da wir uns einst eine WG teilten 😉, schätze ich an Marcus Woelfles Beiträgen sein extrem breit gefächertes Wissen. Das eröffnet ihm – und somit uns, als LeserInnen und Publikum, Perspektiven über den Jazz-Horizont hinaus, weit hinein in die universelle Lunst- und Kulturwissenschaft. Dies trifft auch für den nachstehenden Vergleich zu, der mich gleichermaßen überrascht, wie auch gedanklich angeregt hat:

„(…) Auf die Frage, wer ihn am meisten beeinflusst habe, antwortete er [Thelonious Monk] einmal:

Na, ich selbst natürlich‘.

Thelonious Monk (1917 – 1982)
BBC: Monk in Ronnie Scott’s Club, London, 1970.
Foto: David Redfern/Redferns.

Das ist nicht überheblich. Er gehört zu den wenigen Persönlichkeiten der Musikgeschichte, die so etwas von sich sagen konnten. Er hätte auch mit den Worten Joseph Haydns antworten können:

‚Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selber irremachen und quälen, und so musste ich original werden.

Joseph Haydn (1732 – 1809), Bild um 1790

Ein Vergleich beider Musiker mag sehr abwegig scheinen, doch haben sie Vieles gemeinsam: Beide standen am Beginn einer neuen Epoche und prägten mit ihren Innovationen nicht nur diese, sondern auch spätere Generationen, und dies paradoxerweise, obwohl sie fest in der Tradition verwurzelt waren. Als ‚konservative Revolutionäre‘ wirkten sie nicht durch die Erfindung neuer Formen erneuernd, sondern durch ihre persönliche Aneignung und überraschende Transformation jener Formen, die zu ihrer Zeit volkstümlich waren. (…)“

Durch das collagenartige Aneinanderreihen aussagestarker Anekdoten von ZeitzeugInnen, trat hinter der Jazzlegende auch der Mensch Thelonious in Erscheinung, mit all jenen Facetten, die überhaupt erst die Grundlage für dessen künstlerische Entwicklung und Weltruhm schufen. Marcus Woelfle:

(…)“ Über seine bizarren Angewohnheiten – etwa seine Vorliebe für merkwürdige Kopfbedeckungen, die desto extravaganter wurden, je größer sein Ruhm und seine Einnahmen wurden – ist fast eben so viel Tinte vergossen worden, wie über seine höchstpersönliche Musik, die zu Beginn seiner Karriere viel Kopfschütteln erregte und sich erst spät durchsetzte.

Kaum einer im Jazz hat selbst so viel zur Bestätigung des Vorurteils des „verrückten“ Genies beigetragen wie Thelonious Monk selbst.

Sein Sohn, der Schlagzeuger Thelonious Monk jr. äußerte einmal:

‚Thelonious erlebte ein Leben lang, daß er auf die eine oder andere Weise als verrückt charakterisiert wurde. Entweder sagte man ihm das direkt ins Gesicht oder man tuschelte hinter seinem Rücken. Monk hingegen meinte, die anderen seien verrückt.‘

Will man dem Sohn glauben, verdankt sich der öffentliche Eindruck einer Selbstinszenierung:

‚Er dachte sich das aus. Das ist der springende Punkt. Sein Wahnsinn hatte Methode. Er ersann es. Das kam nicht von selbst. Die Hüte, das Aussehen, das Ziegenbärtlein, das Wechseln der Kleider, das riesige Taschentuch, all dieses Zeug. Er setzte sich mit seiner Frau Nellie zusammen und besprach diese Dinge.‘

Aufhorchen hinsichtlich seiner Spieltechnik, lässt eine Reminiszenz von Monks Ehefrau Nellie:

“(…) ‚Er hatte kleinere Hände als die meisten Pianisten. Daher musste er einen anderen Stil entwickeln, um sich ganz auszudrücken.‘ (…)“

Marcus Woelfle beschreibt diesen Stil sehr anschaulich:

Marcus Wolelfe fotografiert von Gaby dos Santos

„(…) Seine Finger hielt er, ganz entgegen der akademischen Tradition, gestreckt, statt abgerundet, was ihm einen sehr perkussiven Anschlag erlaubte. Die Ellbogen drückte er beim Spiel oft nach außen; bisweilen verpasste er mit ihnen den Tasten einen heftigen Schlag. Der einst für so viele Hörer verstörende Dissonanzenreichtum seiner Musik hängt unmittelbar mit seiner unorthodoxen Spielweise zusammen.

Der Komponist und Jazz-Schriftsteller Gunther Schuller erklärte in der
Jazz Review‘ vom November 1958:

Monk verwendet seine Finger nicht in der gewöhnlichen, orthodoxen, abgerundeten Haltung, sondern in einer flachen horizontalen Weise. Daraus resultieren einige Charakterzüge seiner Musik. Ganz abgesehen von der so hervorgerufenen Klangqualität, wird z.B. das Anschlagen von Oktaven eine gewagte Unternehmung: Spielt man etwa eine Oktave aus zwei Es, ist es so leicht dabei auch ein d oder ein f mit anzuschlagen.

Ich kann mir vorstellen, dass Monk bald entdeckte, dass er seine unorthodoxe Fingerhaltung ausnutzen konnte. Er begann diese „Extra“ – Noten, die andere Pianisten als falsch ausgeschieden hätten, ausgiebig zu verwenden. (…)“

Ende der Zitate aus dem Vortrag von Marcus Woelfle über Thelonius Monk

FAZIT

Da ich keine ausgesprochene „Jazzerin“ bin, musste ich mich in die Musik von Monk erst einfinden, wobei mir der der Wechsel zwischen konzertanten Elementen und textlichen Erläuterungen eine große Hilfe war, die ich dankbar annahm und mir in dieser Form viel öfter wünschen würde, denn der große Verdienst solcher Abende und ihrer InitiatorInnen besteht darin,

Jazz allgemein erlebbarer zu machen, ohne dabei an künstlerischem Anspruch einzubüssen!

Jazz in seinen vielfältigen Formen zu erleben, sich in das Zusammenspiel unterschiedlichster InterpretInnen und Besetzungen hinein zu tasten und sich vom Einfallsreichtum der Soli überraschen zu lassen, führt zu beglückenden Musikerlebnissen!

Diese Chance steht allen offen, die bereit sind, sich auf diesen Sound einzulassen und könnte zunehmend auch für „Nicht-JazzerInnen“ wie mich gelten, geeignete Formate wie der Münchner Jazzsalon vorausgesetzt! Längerfristig bestünden dann such gute Aussichten, den Jazz aus seinem Nischendasein zurück in die kulturelle Mitte zu holen.

V.li: Marcus Wolelfe, der den Abend moderierte, Gaby dos Santos und Andreas Schiller, Kurator des Münchner Jazzsalons sowie Jazz-Stifter; Foto: Desirée Dischl, Referentin Jazz beim Bayerischen Musikrat e.V.

Für die nächste Ausgabe von Andreas Schillers Münchner Jazzsalon, am 8. Mai, habe ich mir bereits eine Karte besorgt. Diese Jazz-Soirée ist Louis Armstrong gewidmet und – erwartungsgemäß – schon fast ausverkauft.

Mehr zum Münchner Jazzsalon:

In dieser Konzertreihe stehen die ganz großen Persönlichkeiten des Jazz im Fokus. Gemeinsam widmen Musikerinnen und Musiker der Szene vier Abende ihrer Musik, ihrem Leben und ihrem Wirken. (…)“


Gefördert wird die Reihe durch die JazzStiftung München

Quelle: https://www.deutsches-theater.de/muencher-jazzsalon-thelonious-monk/

Weitere Termine 2026:

Jeweils im Silbersaal (Dt. Theater)
20.00 Uhr

Wie so vieles Gute in Kunst und Kultur, geht auch diese Veranstaltungsreihe und dito die fördernde JazzStiftung München dahinter, auf eine private Initiative zurück, der des Stifters Andreas Schiller, von dessen persönlicher Liebe zum Jazz jetzt die ganze Stadt profitiert. Dazu siehe auch den Artikel >
Der neue Taktgeber von Oliver Hochkeppl/SZ


Herzlichen Dank auch an Désirée Dischl für die Fotos!

Nachdem ich erst am Nachmittag zurück aus Frankfurt gekommen war, hatte ich doch glatt mein wichtigstes Arbeitsgerät, sprich: „Mein Handy“ 😉 daheim liegen lassen! Doch eine glückliche Fügung platzierte mich neben Désirée Dischl, die sich als die amtierende Referentin für Jazz beim Bayerischen Musikrat e.V. entpuppte. Zudem zählt sie als Jazztrompeterin zu der erfreulich wachsenden Zahl ebenso begabter, wie selbstbewußter und attraktiver Musikerinnen, die inzwischen die Jazzszene bereichern, in meiner Jugend eine fast reine Männerdomäne, mal abgesehen von einigen Sängerinnen – und Barbara Dennerlein


Titel-Collage: Gaby dos SantosGdS-Logo: Die Theatermaske mit Perlenträne

Das Ausgangsfoto von Désirée Dischl zeigt
Claus Raible (p), Johannes Enders (sax), Milos Colovic (b) und
Xaver Hellmeiner (dr) sowie rechts „Jazzman“ Marcus A. Wolelfe

Links einmontiert ein Foto-Fragment von Thelonius Monk, 1947/Quelle Wikipedia

Weitere Beiträge von Marcus A. Woelfle im GdS-Blog:




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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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