High Heels sind für mich leider passé – zumindest an meinen Füßen. Das haben sie mich vor einiger Zeit schmerzhaft wissen lassen. Doch dank Michael Griesbeck kommt der Schuhkauf wieder infrage, denn in seiner Serie Shoetime bedient er sich des Kultschuhs zum Malen und erklärt diese Vorgehensweise als…
„(…) „… eine Metapher, provokant, sexy und vorsätzlich nicht unumstritten. Und so macht genau dieses ‚Benutzen‘ auf eine bewusste, eigenwillige ART den Schuh selbst zum Kunstwerk (…)“
Zitat Michael Griesbeck, zur Serie „Shoetime„
– einem, das aufgrund der ihm zugedachten Tandem-Funktion nicht ohne das dazugehörige Bild erworben werden kann.“
Ein „Tandem“-Exponat der Serie „Shoetime“ ist in Michael Griesbecks Atelier ausgestellt

Griesbecks Werke entstehen im Zusammenspiel aus kreativem Impuls, Tagesgeschehen und Zeitgeist. Durch gezielte Provokation spitzt er gesellschaftliche Zustände pointiert zu. Ein Beispiel ist die obige während der Pandemie entstandene Serie: Über das Motiv schwindelerregend hoher Stöckelschuhe beschwört er hier die Rückkehr von Lebensfreude und Sinnlichkeit.
Wer nun vor so viel hochhackiger Fetisch-Nähe zurückschreckt, sei beruhigt: Michael Griesbeck findet seine Inspiration ebenso in derben Wanderschuhen, wie er in Kürze bei einem Kunstevent unter Beweis stellen wird, für das er gebucht ist.
Ähnlich bodenständig ist ein weiteres seiner Arbeitsmaterialien: die Nudel > Noodles-Serie.
Aus ihrer Formenvielfalt gestaltet Griesbeck facettenreiche Bildcollagen – eine kreative Zweckentfremdung, die folgerichtig bereits zu einer Zusammenarbeit mit dem Traditionshersteller Barilla führte.
Rechts auf der Werkbank: Erste Arbeitsschritte zu einer neuen Noodles-Collage

Sein neuestes Projekt „Shibari“ basiert auf der gleichnamigen, jahrhundertealten japanischen Fesselkunst (Shibari: japanisch 縛り, dt. „Festbinden; Fesseln“), die auch als „Japan-Bondage“ bekannt ist. Dabei bildet die erotische Komponente lediglich einen Aspekt dessen ab, was Shibari tatsächlich ausmacht. Michael Griesbeck erläutert:
„Es lädt uns ein, unsere Verbindungen zu durchdenken, sowohl zu anderen Menschen als auch zu unserer Gesellschaft, es lässt uns erkennen, dass Freiheit nicht unbedingt durch das Ablegen von Verantwortung gewonnen wird, sondern eher durch bewusste Entscheidungen und authentische Hingabe entsteht. (…)“ > MEHR
Für diesen Zyklus hat der Künstler ausführlich recherchiert. Er bleibt auch in der Umsetzung authentisch und verarbeitet ausschließlich echte Shibari-Knoten zu bestechend filigranen Bildkompositionen – in meinen Augen ein reizvoller Kontrast zur dominanten Ausgangsfunktion der Gebinde.

Michael Griesbeck reizen vor allem experimentelle und komplexe Materialarbeiten. Angetrieben von einer im besten Sinne unverhandelbaren Neugier, sucht er fortwährend nach neuen künstlerischen Stilmitteln und Interpretationen. Seine Werke fußen auf einer Symbiose aus Natur und Urbanität: Statische Elemente und natürliche Prozesse treffen auf die dynamischen Ausdrucksformen des Stadtlebens.

High Heels und Nudeln als konzeptionelle Grundlagen für das künstlerische Arbeiten zu nutzen, ist typisch für Griesbecks grenzenlosen Einfallsreichtum, von dem auch die ersten beiden Bilder der obigen Collage zeugen: Sie zeigen mich auf der Frühjahrsausgabe 2026 der ARTMUC, beim Signieren von Michael Griesbecks Jeans. Diese mutierte durch den steten Arbeitseinsatz im Laufe der Zeit ebenfalls zum Kunstwerk und wurde in der Folge zu Griesbecks traditionellem Outfit bei dieser Münchner Kunstmesse. Ganz offensichtlich speist sich Griesbecks Kreativität aus einer erheblichen Dosis „LebensART“. Die erlaubt ihm auch das problemlose Jonglieren zwischen seiner Rolle als Kunstschaffender, der längst international verkauft und seiner übergeordneten Position in einem großen Unternehmen. ( > MEHR)

Das bestätigte sich einmal mehr bei einem ausgiebigen Besuch in Michael Griesbecks Atelier, das sich als Kreativwerkstatt, Lifestyle-Lounge und Galerie in einem präsentiert.
So bekommt man auch direkt vor Ort einen Eindruck davon, wie sich die Exponate in ein Wohnambiente einfügen.



Die verkehrsgünstig in der Nähe des Herkomerplatzes gelegenen Räumlichkeiten sind Teil eines Zwischennutzungsprojekts für Kreative – vorwiegend bildende Künstlerinnen und Architekten. Das bis voraussichtlich Ende kommenden Jahres laufende Projekt ist ein wunderbarer Beweis dafür, dass das kreative Leben längst nicht mehr nur in Schwabing und Haidhausen, sondern mittlerweile überall in München tobt.

Michael Griesbeck zu treffen, bedeutet für mich stets eine Auszeit von den sinnlosen Schwarzmalereien, die so viele Zeitgenossen lähmen. Es ist eine Rückkehr zu lebensbejahender Leichtigkeit, wenn sich der Lauf der Welt schon nicht im Alleingang ändern lässt. Entsprechend wohltuend zog sich der Aufenthalt in Michaels Atelier in die Länge, während wir – mit meiner ukrainischen Freundin Olena als Dritter im Bunde – buchstäblich über Gott und die Welt diskutierten.

Frappierend, wie einig wir uns bei den unterschiedlichsten Themen waren, obgleich Michael definitiv zum besser situierten Teil der Bevölkerung gehört und ich zur politisch links angesiedelten Bohème. Doch für Menschen wie uns gilt ganz offensichtlich noch die demokratische Mitte, in der man sich begegnet: nachdenklich, mit fundierten Argumenten und frei von falsch verstandener Wokeness!

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, stammen von Olena Zöllner
