„Im Schatten der Träume“ – Der Schweizer Cineast Martin Witz rekapituliert sechzig Jahre deutscher Populärkultur auf den medialen Spuren des Erfolgsduos Bruno Balz und Michael Jary

Vordergründig ist Martin Witz’ Dokumentarfilm „Im Schatten der Träume“ einer dieser verführerisch schönen Filme, die ihr Publikum einladen, sich einfach fallen zu lassen: zurück in die fast vergessene Welt von Klassikern eines der prägendsten Künstlerduos der deutschen Populärkultur: der des Textdichters Bruno Balz und des Komponisten Michael Jary sowie ihrer schillernden Interpretinnen und Interpreten, allen voran Zarah Leander und später Bibi Johns, Heidi Brühl und sogar Heintje.

Doch die Dokumentation leistet weitaus mehr, indem sie die deutschen Film- und TV-Archive aus sechs Jahrzehnten aus einer subtil medienkritischen Perspektive durchforstet. Was auf den ersten Blick wie ein beschwingtes Kaleidoskop historischer Ausschnitte daherkommt, demaskiert bei näherer Betrachtung insbesondere die nur scheinbar harmlose – und mitunter bis an die Grenze zur Lächerlichkeit agierende – Unterhaltungsmaschinerie der UFA im Dritten Reich als wirkmächtiges Werkzeug der Manipulation. Damit wirft der Film weitgehende Fragen auf:

„(…) Wo verläuft die Grenze zwischen Opportunismus und Pragmatismus? Können es sich alle leisten, das Land zu verlassen oder in die innere Emigration zu gehen? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man das Leben der beiden Künstler betrachtet. (…)

Fabian Schäfer / queer.de

Das gilt insbesondere für den Lebensweg von Bruno Balz, dessen Existenz als schwuler Mann ständig am Abgrund verlief. Während der berüchtigte „Schwulen-Paragraf“ § 175 nach der NS-Verschärfung auch in der Nachkriegszeit weiter angewandt und erst 1994 endgültig gestrichen wurde, sicherte Balz sein Überleben mit der Feder:

Nur der immense Erfolg seiner Songtexte zu den Kompositionen von Michael Jary – im Dienste der Unterhaltungs- und Propagandamaschinerie – bewahrte ihn vor Haft und Tod.

Ein Schwarz-Weiß-Porträt eines Mannes mit kurzem, lockigem Haar, der einen Anzug mit einem gepunkteten Krawatte trägt, während er leicht zur Seite schaut.
UFA-Foto von Bruno Balz, 1930er Jahre

Vervollständigt wird das Künstler-und Medientableau durch Kommentare namhafter ZeitzeugInnen, KünstlerInnen aus der Musik und Medienwelt sowie HistorikerInnen und AktivistInnen.

Angesichts des aktuellen Erstarkens rechter Tendenzen erweist sich diese Kinoperle als ein kulturhistorisch schlagkräftiges und aufklärendes Werk! Darin zeichnet Martin Witz zwar die Laufbahn des Erfolgsgespanns Balz-Jary vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund akribisch nach, verzichtet jedoch bewusst auf ein finales Urteil zugunsten der eigenen Reflexion des Publikums.

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