Hans-Jochen Vogel, der Influencer anderer Machart: Ein Impuls von Heinrich Bedford- Strohm, Vorsitzender des Weltkirchenrats (WCC) am 1.2.26 in Marktschwaben

Der heutige Vormittag ist für mich ein berührender Vormittag. So viele Menschen hier zu sehen, zu wissen, dass noch viel mehr Menschen gekommen wären, wenn der Platz gereicht hätte, das ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass es ein sehr besonderer Mensch war, an den wir heute zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag denken.

Hans-Jochen Vogel wies nicht unbedingt das Anforderungsprofil eines Menschen auf, der heute zum social media Star taugen würde. Ein Influencer war er trotzdem. Man muss sich das nur in Erinnerung rufen: 1960, meinem Geburtsjahr, wurde er zum Münchner Oberbürgermeister gewählt. Bei der Wiederwahl zum Münchner OB im März 1966 entfielen auf ihn 78 Prozent der Stimmen. Er war der einzige deutsche Politiker, der in zwei Millionenstädten Stadtoberhaupt war.

Ich erinnere mich an ihn seit meiner Teenagerzeit. Ich habe für den heutigen Tag in den wenigen Archivkisten gewühlt, die ich nach meinem letzten Umzug noch behalten habe. Und ich habe es tatsächlich gefunden, das Bild von dem SPD-Minister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, das als Schwarzweiß-Karte, vermutlich im Wahlkampf des Jahres 1976 verteilt wurde. Einige dieser Karten habe ich als Erinnerung an mein politisches Engagement als Teenager aufbewahrt.

Den ersten persönlichen Kontakt hatte ich mit ihm 1983. Ich engagierte mich damals in der Friedensbewegung. Ich hatte zusammen mit meiner späteren Frau, die ja Amerikanerin ist, aus den USA eine Initiative der Quäker nach Deutschland mitgebracht, die es sich zum Ziel gemacht hatte, analog zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen eine Möglichkeit zu schaffen, die Rüstungsfinazierung aus Gewissensgründen von der eigenen Steuerzahlung auszunehmen. Wir hatten als Heidelberger Studenten die “Friedenssteuerinitiative Deutschland gegründet und warben nun in der Bonner Politik um Unterstützung. Also schrieb ich Hans-Jochen Vogel einen entsprechenden Brief. Und tatsächlich antwortete er. Auch seinen Brief vom 3. Februar 1983 habe ich in meinen alten Unterlagen gefunden. Mir ist erst jetzt klargeworden, dass dieser Brief gut einen Monat vor der Bundestagswahl geschrieben wurde, zu der Hans-Jochen Vogel als Kanzlerkandidat für die SPD angetreten war.

“Lieber Heinrich Strohm”, – so begann sein Antwortbrief – “vielen Dank für Deinen langen und nachdenklichen Brief…” Das “Du verdankte sich der geeinsamen SPD-Mitgliedschaft. Er erklärte mir dann ausführlich, warum der Vorschlag keinen Sinn mache, insbesondere weil das Budgetrecht des Parlaments dadurch ausgehebelt würde. Der Brief endete dann mit folgenden Worten: “Anderenfalls müsste man das gesamte Steueraufkommen, das von bestimmten Personengruppen erzielt wird, in jeweils besondere Haushalte einstellen. Dass das in letzter Konsequenz zu unerträglichen Weiterungen führen würde, wird Dich bestimmt überzeugen…”

Trotz einiger Gegenargumente, die mir noch eingefallen wären, hat es mich überzeugt. Ich habe in der dann folgenden Zeit meine friedenspolitischen Aktivitäten tatsächlich Schritt für Schritt auf Andere Themen verlagert.

Die erste persönliche Begegnung, an die ich mich erinnere war dann im Jahr 2004. Ich hatte HJV zu einem öffentlichen Vortrag zum Thema “Christ in der Politik” in die Coburger Morizkirche eingeladen, an der ich damals Gemeindepfarrer war. Zu meiner Freude sagte er zu. Ich weiß noch, wie ich nach dem Vortrag dachte: Ach wenn es doch mehr Menschen in der Politik gäbe, die sich so glaubwürdig an ihren christlichen Grundsätzen orientieren wie dieser Mann es in seinem politischen Leben versucht hat. Dass er immer wieder auch davon gesprochen hat, wie er dem nicht gerecht geworden ist, bestätigt dieses Gefühl nur noch.

Nach dem Vortrag gingen wir in die Pizzeria essen. Er übernachtete bei mir im Pfarrhaus und morgens frühstückte er mit mir, meiner Frau und unseren drei Söhnen. Da war kein Dünkel. Da war auch nicht der mit den Klarsichthüllen hantierende Oberlehrer, der ihm in der Presse immer wieder zugeschrieben wurde. Da war vor allen der Mensch. Da war der Mensch, der nicht der touchy-feely-Typ war, der seine Fangemeinschaft um sich scharte. Sondern da war ein Mensch, der den Einsatz für die sogenannten “kleinen Leute” nicht nur vor sich hertrug, sondern ausstrahlte. Ihm ging es von ganzem Herzen um soziale Gerechtigkeit. Weil die Leute ihm das abnahmen, war er populär.

Natürlich bin ich ihm dann später ab 2011 als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender oft begegnet. Dabei habe ich immer seine tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben gespürt. Er hat meine Bemühungen um die Ökumene mit viel Sympathie begleitet. Er konnte auch das Leiden an seiner eigenen katholischen Kirche dem evangelischen Landesbischof gegenüber deutlich zum Ausdruck bringen. Die Nicht-Zulassung Geschiedener zur Eucharistie schmerzte ihn. Umso mehr lebte er die Ökumene mit seiner evangelischen Frau Liselotte als Selbstverständlichkeit.

Wenn er das Leiden an seiner Kirche zum Ausdruck brachte, habe ich ihm gegenüber immer die Hoffnung bekräftigt, dass wir als Kirchen in geschwisterlicher Gemeinschaft immer mehr zusammenwachsen. Als ich 2017 zusammen mit Kardinal Marx den Ökumenepreis der Katholischen Akademie Bayern verliehen bekam, hat er mir einen sehr herzlichen Glückwunschbrief geschrieben und seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht.

Wenig später schrieb er mir nochmal. Und wieder beeindruckte er mich. Diesmal setzte er sich mit seinen über 90 Jahren, für eine neue Bodenrechtsreform ein, ein Projekt, an der er als Bundesminister gescheitert war. Man spürte dem Brief die tiefe Verwurzelung in der Katholischen Soziallehre ab. Und er forderte mich nachdrücklich dazu auf, dass die EKD, deren Ratsvorsitzender ich damals war, sich doch einmal öffentlich klar dazu äußern solle. Und er gab auch gleich noch den Hinweis, dass das gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz geschehen solle. Es ging ihm um bezahlbare Mieten und darum, dass die Sozialpflichtigkeit des Eigentums angesichts viel zu hoher Vermögensungleichheit endlich ernstgenommen würde.

Natürlich rannte er damit bei mir offene Türen ein. Ich nahm seinen Impuls auf und setzte mich dafür ein, dass die EKD sich intensive mit diesem Thema beschäftigte. Aufgrund der grundsätzlichen Bedeuutng des Themas bat ich die EKD-Kammer für soziale Ordnung, sich des Themas anzunehmen und dem Rat einen Text zu erarbeiten. Unabhängig von uns war auch die katholische Kirche schon an dem Thema dran. So erarbeitete die EKD-Kammer einen eigenen Impuls, der 2021 veröffentlicht wurde. “Bezahlbar wohnen. Anstöße der Evangelischen Kirche in Deutschland zur gerechten Gestaltung des Wohnungsmarktes im Spannungsfeld sozialer, ökologischer und ökonomischer Verantwortung” – das war der Titel. Und es war mir eine besondere Freude, dass ich dazu noch als Ratsvorsitzender ein Vorwort schreiben konnte. Für mich war es wie ein Vermächtnis von Hans-Jochen Vogel für uns als EKD. Eine von so vielen Segensspuren, die er uns hinterlassen hat.

Seine glaubwürdige Orientierung an christlichen Werten bleibt Vorbild. Er würde – da bin ich sicher – mit scharfer Kritik auf den schrecklichen Missbrauch des Christentums durch Politiker reagieren, die das Christentum im Munde führen, es aber mit ihrem politischen Handeln mit Füßen treten. Wladimir Putin, der ein ganzes Land jeden Tag in die Kälte bombardiert und Hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, gehört genauso dazu wie der gegenwärtige amerikanische Präsident, der Migranten jagen lässt und Humanität und Menschenrechte mit Füßen tritt. Nie dürfen wir widerspruchslos zulassen, dass der kostbare christliche Glaube auf diese Weise in den Dreck gezogen wird!

Als ich Hans-Jochen Vogel einmal im Augustinum besuchte, habe ich erfahren, wieviel Liebe in diesem kleinen Apartment, in dem er seinen Lebensabend verbrachte, zu spüren war. Und wenn ich ihm im Rollstuhl, begleitet von seiner Frau Liselotte, begegnet bin, war diese Liebe auch immer zu spüren. Der Tod schreckte ihn nicht. Das Gefühl, das den Ton angab, war die Dankbarkeit.

Hundert Jahre nach seiner Geburt sage ich von Herzen Dank für das Leben von Hans-Jochen Vogel, für all den Segen, der auf seinem Leben gelegen hat und all den Segen, der aus seinem Leben erwachsen ist, für so viele Menschen, zu denen ich mich auch zählen durfte.

Quelle: Die Facebook-Seite von Heinrich Bedford-Strohm > https://www.facebook.com/bedfordstrohm

Mehr zu Heinrich Bedford-Strohm:

Heinrich Bedford-Strohm, geborener Strohm (* 30. März 1960 in Memmingen) ist ein deutscher evangelischlutherischer systematischer Theologe mit dem Schwerpunkt Sozialethik. Vom 30. Oktober 2011 bis 30. Oktober 2023 war er Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Vom 11. November 2014 bis zum 10. November 2021 war er zusätzlich Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seit 2022 ist Bedford-Strohm Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen.

(…) > MEHR

Quelle: Wikipedia

Für mich verkörpert Heinrich Bedford-Strohm eine der engagiertesten christlichen Stimmen Deutschlands und einen Beleg dafür, wie lebbar das Christentum, mit seiner frohen Botschaft und seinem Wertekanon, auch in unserer Zeit geblieben ist. Dazu stellt sich Bedford-Strohm persönlich zur Verfügung, indem er Interessierte in den sozialen Medien an seinen Aktivitäten und Gedanken teilhaben lässt. Damit oktroyiert er sich mir keinesfalls als Blaupause, sondern vielmehr als stetiger Impulsgeber und Trigger für meine ureigene Suche nach Wahrheit und Weg.


An dieser Stelle herzlichen Dank für die Überlassung des Textes!


Titelmotiv: Collage von Gaby dos Santos
aus einer Projektion von Hans-Jochen Vogel im Café Luitpold (02.02.26) und dem Facebook-Profilbild (2025) von Heinrich Bedford-Strohm von seiner Facebookseite



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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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