Warum nicht endlich die Vergangenheit ruhen lassen
und über die Verbrechen unserer Vorfahren das gern zitierte „Ei“ schlagen?
Diese Frage köchelt schon lange in unserer Gesellschaft vor sich hin und kocht pünktlich auf – und gerne auch mal über, sobald Jahrestage anstehen. Auch ich selbst habe mir diese Frage schon gestellt, insbesondere, wenn Gedenkstunden mal wieder in routinierten Pflichtübungen erstarrt waren, gespickt mit Reden, die sich im besten Fall in Rhetorik erschöpften, oft gar durchblicken ließen, dass weder AutorIn noch RednerIn über solide Hintergrundkenntnisse verfügten.
In verstärktem Maße betrifft dieses Manko Sinti & Roma, da mit der Aufarbeitung ihres Holocausts sowie ihrer gesellschaftlichen Integration erst spät begonnen wurde. Entsprechend groß gestalten sich noch immer die Wissenslücken zur ihrer Kultur und Geschichte.

Collage von Gaby dos Santos aus dem Historical von 2023 „Nächster Halt Auschwitz“, mit historischen Bildelementen
Dabei handelt es sich bei den Sinti um deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Chronik Teil der unsrigen ist, da sie schon seit Jahrhunderten unter uns leben.
Allerdings geben sie sich bis heute häufig nicht zu erkennen, denn die Ausgrenzung und Diskriminierung ihnen gegenüber hielt sich bis weit in die Nachkriegszeit hinein… und mehr noch ist bis heute der Kampf gegen Antiziganismus das Gegenteil von ausgestanden.
Siehe dazu auch die Linkvorschau rechts >
Für umso wichtiger halte ich es, sich genau darauf zu besinnen, von wem genau hier eigentlich die Rede ist, was diese Menschen ausmacht, vor dem Hintergrund dessen, was ihnen angetan wurde, denn, wie Felix Reuter, Dekan im Münchner Norden, einer vielbeachteten Predigt 2025 äußerte:

Die Erinnerung ruft uns dazu auf, für die Würde jedes Menschen einzustehen und die Verantwortung zu tragen, dass sich solches Unrecht und Leid niemals wiederholt.
Wenn wir heute an den Schmerz und die Tragödie jener Deportationen erinnern, dann lassen wir nicht zu, dass durch das Vergessen neues Unrecht und Leid entsteht.
Vergessen reproduziert Unrecht und Leid.
In der Erinnerung liegt die Kraft, Gerechtigkeit zu erneuern.
Erinnerung fordert uns auf, auch heute gegen jede Form von Ausgrenzung, Rassismus und Intoleranz anzukämpfen.Auszug aus der Predigt von Dekan Felix Reuter zum ökumenischen Gottesdienst am 11.3.2025, in der Pfarrei Mariä Sieben Schmerzen München-Nord
Nachstehend Felix Reuters Predigt in voller Länge
Die obige Predigt beinhaltet auch einen lesenswerten Appell an alle Gläubigen, gepaart mit einer Botschaft christlicher Hoffnung, die bei der Community selbst auf fruchtbaren Boden gefallen sein dürfte:
Noch nie bin ich einer Gruppierung von vergleichbarer Spiritualität begegnet und von einem so unkaputtbaren Glauben, wie bei den Sinti und Roma, trotz all dem Leid, das ihnen, nicht nur während des Dritten Reiches und teilweise auch durch die Kirchen zugefügt wurde.
Siehe dazu auch die Linkvorschau rechts >
Daher beginnt der ihnen im März gewidmete Veranstaltungsblock alljährlich mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst um die Monatsmitte herum, der musikalisch von Sinti umrahmt wird.

Auch 2026 findet der ökumenische Gedenkgottesdienst in der Pfarrei Mariä Sieben Schmerzen, Am Frauenholz 8, im Münchner Norden statt,
am Dienstag, den 10. März 2026, um 18.00 Uhr

Foto-Retrospektive vom 13. März 2025:
Gedenkstunde mit Namenslesung der 141 deportierten Münchner Sinti am Platz der Opfer des Nationalsozialismus




Programm Flyer 2026 der LH München
Weitere Beiträge im GdS-Blog zu Gedenkveranstaltungen für die deportierten Sinti & Roma in München, 2018 – 2024
„Morgens um halb fünf kam die Gestapo…“ Zur jährlichen Gedenkwoche an die Deportation der Münchner Sinti & Roma: Zeitzeugnisse
Morgens um vier, halb fünf kam die Gestapo zu uns nach Hause. Schnell, schnell, schnell…
Keep readingFoto-Retrospektive von AZ-Stadtspaziergänger und Fotograf SIGI MÜLLER zu den Lichtinstallationen am Holocaust-Gedenktag der Münchner Sinti & Roma sowie ein kleiner Streifzug durch seine (montäglichen) AZ-Kolumnen
Titelbild: Projektion eines Fotos (vermutlich von 1934) von Josef Maria Schneck (1930 – 1944), auf…
Keep readingGedenken an die Deportation der Münchner Sinti und Roma, Sa, 13.3., ab Dämmerung bis 21 Uhr: Projektion der Opfernamen auf die Fassade des NS-Dokumentationszentrums parallel zur Gedenkveranstaltung, ab 19 Uhr im Livestream, danach jederzeit abrufbar
Vor 78 Jahren, am 13. März 1943, veranlasste die Münchner Polizei die Deportation von 130…
Keep readingZum Holocaust an den Münchner Sinti und Roma: Alexander Diepolds Klartext-Ansprache 2019 in der Theaterinerkirche: Ein Befreiungsschlag ex cathedra!
Er spricht Dr. Mengeles Experimente an seinen väterlichen Freunden an, den Münchner Sinti Hugo und…
Keep reading„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Zitate und Bilder zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma
„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem…
Keep reading„Wir können vergeben, wenn wir im Herzen Gottes Liebe tragen …“ Gedenkgottesdienst für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti & Roma
Wir vergessen nicht unsere Menschen – aber wir können vergeben, wenn wir im Herzen Gottes…
Keep readingWeitere Informationen zu den Volksgruppen:
Entdecke mehr von Gaby dos Santos
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
