„Traumstadt“ Schwabing als Kulisse für drei Retrospektiven im Regen

„(…) Viel Hintergründiges, subtile Ironie und eine Atmosphäre von Sehnsucht und Phantasie durchwehen die Gassen der Traumstadt (…)“

So beschreibt BayernKultur jenes Utopia, mit dem der Schriftsteller Peter Paul Althaus Schwabing ein Denkmal setzte. Dessen literarische Dichte durfte ich vor vielen Jahren in einem musikalisch-rezitativen Dialog zwischen dem Vibraphonisten Wolfgang Lackerschmid und dem Schauspieler Christian Quadflieg aufleben lassen. Nun ist mir diese ganz spezielle Stimmung wiederbegegnet – im Laufe eines verregneten Nachmittags und Abends. In drei Begegnungen, von denen mich jede auf ihre Weise in ihrer existenziellen Tiefe bewegt hat:

Mit meiner Freundin Christine Willschrei (s. Titelfoto von Sigi Müller ), die alle Film- und Theatergrössen seit den 1960er Jahren erlebt hat, kreisten die Gespräche um Vergänglichkeit: Der des Ruhmes und der allgemeinen: Christine hat so viele berühmte Menschen in ihrem Leben kennen gelernt, einen namhaften Drehbuchautor geheiratet, eine Schauspielschule geleitet. Davor gehörte sie u.a. zur Crew von May Spils und Werner Enke in Zur Sache, Schätzchen mit Uschi Glas. Nun ist Ehmke tot, und May, Regisseurin von einem der erfolgreichsten deutschen Filme der Nachkriegszeit, dreht in ihrem Kummer nur noch „am Rad“, wie Christine es in ihrer direkten, typisch Altschwabinger Art formulierte.

Gaby dos Santos und Toni Netzle 2016, nach einem Auftritt im Münchner Künstlerhaus

Oder, um ein anderes Beispiel aufzuführen, unsere gemeinsame  Freundin Toni Netzle: Fünf Jahre  nach ihrem Tod ist die einst legendäre Münchner Wirtin kaum jemandem mehr ein Begriff, obwohl ich zu ihren Lebzeiten keine drei Schritte mit ihr gehen konnte, ohne dass sie von PassantInnen angesprochen worden wäre. Auch die Historicals, die ich auf Basis ihrer Memoiren Mein Alter Simpl seinerzeit erfolgreich in Serie produziert habe, würden heute kein Publikum mehr finden.

„Die Leute meiner Generation sind inzwischen alle tot oder krank!“, lautete Christines Fazit. Man müsse sich deshalb rechtzeitig um jüngere Freundschaften bemühen. Ein harter Realismus – der sich jedoch nicht von der Hand weisen lässt. Kein Wunder, dass das Carpe Diem bei mir inzwischen hoch im Kurs steht!

Einen ganz anderen, außergewöhnlichen Lebensansatz verfolgt Christa Ritter. Die Filmemacherin, Journalistin und Gefährtin von Rainer Langhans war mir schon lange als Zeitzeugin in TV-Dokumentationen und auf Facebook aufgefallen – so sehr, dass ich mir zunehmend ein Treffen mit ihr wünschte. Nun, im Zuge meiner Recherchen zum Historical Summer of Love Reloaded (Arbeitstitel) – mit Rockröhre Claudia Cane als energetischem Alter Ego Janis Joplins –, wurde aus dem Wunsch eine berufliche Notwendigkeit. Also schrieb ich sie an.

(…) Seit Jahren verfolge ich auf Facebook deinen/euren Weg einer lebenslangen Suche mit Spannung – und ja, auch mit Freude. Diese Unbeirrbarkeit, allem Gegenwind zum Trotz, stimmt mich zuversichtlich. Kommt es doch immer auf die gesellschaftlichen Keimzellen an!

Das wollte ich dir schon lange einmal schreiben. Aber ganz abgesehen davon thematisiert mein nächstes Projekt die Rolle der Frau in den 60er und 70er Jahren, festgemacht an der Gegenüberstellung von zwei Musikerinnen: Janis Joplin und ihr stimmliches Alter Ego in Deutschland, Claudia Cane. Meine Bitte an dich, als Frau und Künstlerin, die die 60er Jahre nicht nur ge- und erlebt, sondern auch reflektiert hat, ob wir uns einmal auf ein Gespräch treffen könnten?

Unsere Begegnung verlief dann genauso spannend, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Alternative Lebensformen faszinieren mich seit jeher – und die als „Der Harem“ kolportierte Wohngemeinschaft um Rainer Langhans erst recht, da ich sie inzwischen als Teil der Zeitgeschichte betrachte. Nach unserem Spaziergang im strömenden Schwabinger Regen schrieb ich Christa:

Christa Ritter bei unserem Spaziergang im Luitpoldpark, 21.8.2026

(…) „Heute morgen musste ich schmunzeln, als ich an unsere Regensause durch den Luitpoldpark zurückdachte. Wir Zwei beim Kennenlernen, den Elementen trotzend – und zugleich durchaus in Einklang mit ihnen…

Obwohl wir uns nicht kannten, hast Du hast mir das Gefühl gegeben, dich einfach alles fragen zu dürfen, ohne fürchten zu müssen, von dir als indiskret empfunden zu werden. Dabei waren deine Antworten so durchdacht und gerade heraus, dass ich aus dem Stand mit ihnen etwas anfangen und auf mich selbst bezogen, gleich weiterspinnen konnte. (…)“

Aus einer Facebook-PN an Christa, vom 22.8.26

Den stimmigen Abschluss bildete ein Klassentreffen in Miniatur mit Jens, an dessen Hand ich als ABC-Schützin vor 62 Jahre die Schwelle der Europäischen Schule in Varese überschritten habe!

Längst gibt es ihn nur noch im Doppelpack und zu meiner Freude gehört seine Frau Ute zu den LebenspartnerInnen, in deren Anwesenheit ich mich gleichermaßen wohl fühle. So erlebe ich die Wiedersehensfreude inzwischen zweifach 😉

FAZIT:

Mehr Leben komprimiert in zwölf Stunden geht nicht!


Das Titelfoto stammt von  Fotograf Sigi Müller und zeigt Christine Willschrei im August 2024


Entdecke mehr von Gaby dos Santos

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.com

Entdecke mehr von Gaby dos Santos

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen