Schon die Titelwahl für seine kurzfristig angesetzte Vernissage im GALERiNi – Kunstverein Schwabing e.V. verrät Michael Heiningers besondere Affinität zu Italien: Der Begriff „Il desiderio“ entfaltet sofort eine facettenreiche emotionale Bandbreite – vom sachlichen Wunsch über tiefe Sehnsucht bis hin zu leidenschaftlichem Begehren. Während das rationalere Deutsch den Kontext stets miterklären muss, impliziert das Italienische diese Gefühle bereits. Wo die deutsche Sprache Gefahr läuft, in Pathos abzugleiten, bleibt das Italienische noch immer leicht und ausdrucksstark.

Diesem Prinzip folgt Michael Heininger diesmal auch in seiner Bildsprache: Statt der pointiert gezeichneten Karikaturen, die sein Werk sonst prägen, wählt er für diesen Zyklus südländisch anmutende Farben von unmittelbarer emotionaler Intensität. Der Pinselstrich greift im Landschaftlichen fließend ineinander. Das bemerkenswerte Verdienst dieser Ausstellung liegt darin, italienische Motive jenseits der bekannten Klischeefallen zu inszenieren – eine Kunstfertigkeit, an der bereits Generationen Malender gescheitert sind. Heiningers Exponate jedoch meistern diesen Grenzgang lässig: Sie schöpfen die Schönheit und Üppigkeit der Szenerie voll aus, ohne jemals in den Kitsch abzugleiten.

Bereits im Vorfeld hatte ich auf seinem Instagram-Kanal einige Bilder aus dem Italien-Zyklus bewundert – ohne jedoch zu ahnen, wie sehr Heininger mit dem Land verwurzelt ist. Tatsächlich hat er ein ganzes Jahr in Italien gelebt, das Land oft besucht und im Lauf der Zeit viel Geld dort gelassen – eine Ausgabe, die er selbst rückblickend noch als bestens investiert erachtet.

In seiner Ansprache betonte Michael Heininger, dass ihm in Italien als Künstler eine selbstverständliche Wertschätzung entgegengebracht wurde – fernab der hierzulande oft gestellten Gretchenfrage nach der ökonomischen Verwertbarkeit seiner Kunst. Diese Erfahrung kann ich als in Italien sozialisierte Kunstschaffende nur bestätigen. Sie verweist auf ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Phänomen: Da das Land historisch selten eine solide Wirtschaft oder Regierung erlebte, beherrscht man dort die Kunst des „Durchwurschtelns“ in ziemlicher Perfektion und Prioritäten werden schlicht anders gesetzt. Dieses inspirierende Laissez-faire erklärt nicht zuletzt die Anziehungskraft, die Italien seit jeher auf Kunstschaffende aus aller Welt ausübt.

Überraschenderweise führte Heiningers Begrüßungsrede ins Interdisziplinäre, indem sie auf den italienischen Dichter Giosuè Carducci (1835–1907) Bezug nahm. Carducci prägte seinerzeit wie kaum ein anderer die Lyrik des noch jungen italienischen Nationalstaats, was ihm als erstem Italiener 1906 den Nobelpreis einbrachte. Um die Klangfarben der Sprache hörbar zu machen, trug Heininger einen Prosatext sowie Carduccis berühmtes Gedicht über die Maremma auf Italienisch vor. Beide Texte widmen sich jenem ungezähmten Landstrich, der in der Kindheit des Dichters noch eine von der Malaria gezeichnete, unbarmherzige Sumpflandschaft war und sich heute als blühender Nationalpark präsentiert.
Geprägt durch seine Zeit vor Ort bleibt die Toskana – und in erweiterter Form ganz Italien – für Heininger unvergessen; für mich sowieso. In den Gemälden fand ich zahlreiche Schauplätze meiner eigenen Vergangenheit wieder, die der Lauf der Zeit in meiner Erinnerung verklärt und die Heininger in seinen Exponaten künstlerisch verbrämt hat.
In Carduccis Zeilen wiederum begegnete ich mir selbst während meiner diesjährigen Italienreisen. Denn das Sonett Traversando la Maremma toscana – Beim Durchfahren der toskanischen Maremma – thematisiert auf geniale Weise die Gegenüberstellung von Jugendträumen und Realität, während einer Rückkehr: Dabei lässt der Dichter sein Leben kritisch Revie passieren und reflektiert die Gewissheit des Todes. Schließlich findet er in der zeitlosen, melancholischen Schönheit der Natur einen Moment des tiefen Trostes. Die Idylle einer vertrauten Gegend als Quelle des Friedens lässt sich ebenso auf meine lombardische Heimat übertragen – inzwischen aber durchaus auch auf München und Umgebung! Eine tiefschürfende Erkenntnis, die mich zunächst melancholisch, dann aber wohlig aufseufzen ließ… 😌

Dieser Abend im Galerini erfüllte alle Erwartungen. In der Vorankündigung hatte ich gepostet:
Dieser Vernissage kann ich mich einfach nicht entziehen: Egal, was ich momentan alles um die Ohren habe – diese drei Stunden im Galerini sind ein absolutes „must be“.
Eine Vernissage von Michael Henninger in diesem Schwabinger Biotop verspricht auf jeden Fall anregende Stunden in doppelter Hinsicht: Künstlerisch, weil es Henninger ist, der ausstellt. Und atmosphärisch, weil es eine der wenigen Locations in München ist, in denen ich noch das Flair des früheren Schwabings erlebe – erfolgreich in die nächste Generation hinübergerettet und mit einer großartigen, altersübergreifenden Mischung unter den Besuchern!



Die Schwabinger Künstlerin, Malerin und Autorin Inga Tränker, links mit dem Verleger und Autor Joachim Lotsch > „Schwabinger Sieben“, ein Buch, das im Februar ebenfalls hier präsentiert wurde. Von Joachim stammen auch die beiden obigen Fotos.
Im Schein einer originellen Mondsichel-Lampe, die zum ausgefallenen Interieur im hinteren Bereich des Galerini gehört, ergab sich noch die Gelegenheit für einen Plausch mit Ani Ruth Lugani (FDP-Mitglied im Bezirksausschuss Schwabing-West) und seiner ehemaligen Klassenkameradin Claudia (Foto u.re.). Von Ani stammt übrigens auch das nachstehende Foto.

In der Bildmitte zu sehen ist Michael Stephan, der ehemalige Leiter des Münchner Stadtarchivs, mit dem ich mich an diesem Abend ganz in Ruhe unterhalten konnte. Es war eine wohltuende Abwechslung zu den vielen, gewohnt umtriebigen Münchner Kulturveranstaltungen, auf denen für einen tieferen Austausch kaum Zeit bleibt – und genau dieser ruhige Dialog machte die letzte Stunde für mich zu einem wunderbar entspannten Ausklang eines in vielerlei Hinsicht inspirierenden Abends.
FAZIT:
Michael Heiningers Vernissage „Il desiderio“ liess nichts zu wünschen übrig 🎈
Desweiteren im GdS-Blog zu Michael Heininger und dem GALERINI
Michael Heiningers nächste Ausstellung im GALERINI findet bereits im Dezember 2026 statt!
Mehr zum GALERINI – Kunstverein Schwabing unter 📌 https://www.galerini.de/
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