Zwischen Hildebrandhaus und Bundeskanzleramt: Julian Nida-Rümelin zu Gast beim Kulturforum der SPD in München, moderiert von Maharani Chakrabarti

Als lebenslange Sozialdemokratin sowie Kunst- und Kulturschaffende war es mir ein ausgesprochenes Anliegen, Julian Nida-Rümelin einmal persönlich zu erleben. Für ihn selbst muss dieser Abend eine emotionale Heimkehr bedeutet haben – zurück in das Kulturforum der Münchner Sozialdemokratie, das er einst im Schulterschluss mit Christian Ude mitbegründet hatte. Dessen Abwesenheit bedingt durch einen aktuellen Reha-Aufenthalt bedauerte Nida-Rümelin sehr, nicht zuletzt, weil ihm damit heute Abend eine wertvolle gemeinsame Erinnerungsstütze fehlte.

Maharani Chakrabarti im Gespräch mit Julian Nida-Rümelin, dahinter Dr. Michael Stephan, Vorstandsmitglied im Kulturforum und ehemaliger Leiter des Münchner Stadtarchivs; dahinter ich „bei der Arbeit“ und im Hintergrund der Buchhändler Thomas Voglsang, buch&töne

Der Auftritt enttäuschte nicht, denn Julian Nida-Rümelin verkörpert eine außergewöhnliche Schnittstelle zwischen Kultur, sozialdemokratischer Politik und akademischer Philosophie. Die Moderation übernahm erstmals Vorstandsmitglied und Konzertpianistin Maharani Chakrabarti. Sie führte im intimen Rahmen von Christian Udes Keller, den dieser seit Kurzem dem Kulturforum als Räumlichkeit zur Verfügung stellt, durch einen gedanklich sehr anregenden Abend. Dank ihrer Ausstrahlung und einer klaren inhaltlichen Linie erwies sie sich als Dialogpartnerin auf Augenhöhe mit Nida-Rümelin.

Olena Zöllner, von der fast alle Fotos stammen befindet sich unübersehbar in Christian Udes Keller


Julian Nieda-Rümelins Schilderungen seiner Jugendjahre fesselte mich besonders: Zum einen war mir dieser Teil seiner Vita bislang völlig unbekannt; zum anderen ist er verwoben mit jener von künstlerischem Schöpfertum geprägten Epoche, die ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert den weltweiten Ruf Münchens als Mekka der Kunst und Kultur begründete. Auch die Wurzeln von Julian Nida-Rümelin liegen in einer traditionsreichen Künstlerfamilie – Kunst und Kultur waren für ihn daher eine gelebte Selbstverständlichkeit. Unmittelbar nach Kriegsende zog die Bildhauerfamilie in das Hildebrandhaus, das damals als Wohn- und Arbeitsstätte für Kunstschaffende diente. Nach dem Suizid des Großvaters Wilhelm Nida-Rümelin im Jahr 1945 übernahm dessen Sohn, der Bildhauer Rolf Nida-Rümelin, das große Atelier der Villa und baute es später für die Bedürfnisse seiner wachsenden Familie um.

„(…) Mein Vater baute in das große Atelier eine kleine Wohnung, die auf Holzstelzen stand, damit man darunter Material lagern konnte, mit zwei Zimmern von 4 mal 4 Metern und einer Wendeltreppe, mit winziger Küche und winzigem Bad (s. Fotos). Ich habe mich in dieser Wohnung, in der jeder Quadratzentimeter genutzt wurde, in dem Betten und Tische eingeklappt werden konnten, Einbauschränke jede Nische nutzten und der Rest mit Bücherregalen übervoll war, nie beengt gefühlt – obwohl meine Körpergröße in meinen letzten Jugendjahren in einem Teil der Wohnung die Zimmerhöhe übertraf. (…)“

Zitat Julian Nida-Rümelins, aus „Jugend im Hildebrandhaus“ MONACENSIA-MAGAZIN

Wie er uns erläuterte und wie auch die Vielzahl seiner Studienfächer offenbart, fiel es ihm aufgrund seiner vielseitigen Begabungen nicht leicht, sich für eine Studienrichtung zu entscheiden und damit die Weichen für seinen beruflichen Lebensweg zu stellen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen universell Talentierten verrannte er sich nicht in der Fülle seiner Begabungen und Interessen.

Von 1975 bis 1980 studierte er Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft an den Universitäten München und Tübingen. 1983 wurde er beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller in der Fächerkombination Philosophie, Politikwissenschaft, Logik und Wissenschaftstheorie summa cum laude promoviert. Von 1984 bis 1989 war er als wissenschaftlicher Assistent (Akademischer Rat a. Z.) an der LMU München tätig. Hier habilitierte er sich 1989 mit einer Arbeit zur Kritik des Konsequentialismus in Ethik und Rationalitätstheorie.

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Nach dem Turbo-Start in der Wissenschaft, in der er früh hohe Würden erlangte, wechselte er in die herausfordernde Welt der Politik, ausgehend von seinem bereits bestehenden kulturpolitischen Engagement – zunächst als Kulturreferent (Juli 1998 bis Januar 2001) in München, später als Staatsminister für Kultur und Medien (Januar 2001 bis Oktober 2002) im Bundeskanzleramt. Es war eine Zeit des steilen Aufstiegs, die sich aber auch mit dem Preis permanenter öffentlicher Beobachtung verband, die ihm zugesetzt haben musste, wie einige Anmerkungen gestern verrieten. Das deckte sich mit meinen Eindrücken bei früheren Begegnungen und erneut am gestrigen Abend: Ich erlebe ihn als eine zwar attraktive Erscheinung mit starker Präsenz, aber zugleich als einen eher zurückhaltenden Menschen, ganz ohne das betont raumgreifende Gebaren eines Alphatiers – wie es einem, ich-erfüllt, sowohl in der Politik wie auch in der akademischen Welt nicht selten begegnet.

Von links Dr. Michael Stephan, Gaby dos Santos, Julian Nida-Rümelin
2.11.20206, Kulturforum der Sozialdemokratie in München

Julian Nida-Rümelin hingegen, wie ich ihn gestern erlebte, kommt meiner Vorstellung eines Feingeists sehr nah, den man genau dort verorten würde, wo er sich auch aufhält: als Forschenden und Lehrenden. Kein Wunder, dass seine kulturpolitische Arbeit in den Ämtern letztlich nur fünf Jahre seiner gesamten Laufbahn ausmachte, zumal er auch mehrfach Zeuge katastrophaler kulturpolitischer Maßnahmen und Entscheidungen wurde, wie er im Gespräch andeutete.

Und doch waren es genau diese wenigen Jahre, die Nida-Rümelins Zeit im Rampenlicht der Zeitgeschichte prägten. Entsprechend gespannt lauschte das rappelvolle Kulturforum, als er ein wenig über seinen zeitweiligen Chef, Bundeskanzler Gerhard Schröder, aus dem Nähkästchen plauderte. Kurz angebunden sei dieser gewesen. Als Zuhörerin fühlte ich mich dem Nabel der großen weiten Welt der Politik wohltuend nah… 😉


… und die gibt es jetzt auch in Buchform! Eine schöne Überraschung war, dass meine Stammbuchhandlung buch&töne an diesem Abend, mit einem Büchertisch, ebenfalls den Weg ins Kulturforum gefunden hatte. Auf dem Foto rechts bin ich mit dem engagierten Inhaber, Thomas Voglsang zu sehen.

Im Anschluss an die gelungene Runde hatte ich noch Gelegenheit, mich mit Maharani über den nächsten Abend im Kulturforum zu unterhalten: Ihr bevorstehendes Gespräch mit der renommierten Cembalistin und Pianistin Christine Schornsheim am 9. November, um 19h, ist für mich quasi ein Pflichtprogramm – schließlich bildet das Thema „Frauen in der Musik“ schon seit langem einen meiner ganz persönlichen Schwerpunkte. Mit Maharani als Moderatorin, die als Musikerin selbst in diesem Metier zu Hause ist, verspreche ich mir ein Gespräch von besonderer fachlicher Nähe und Substanz.


Gedanke am Rande:

Was ich im Zuge meiner letzten beiden Besuche beim Kulturforum der Sozialdemokratie in München, über das Programm hinaus zu schätzen gelernt habe, ist dessen Salon-Charakter. Viele AspirantInnen haben sich schon vergeblich daran versucht, einen Salon auf die Beine zu stellen. Hier jedoch „lebt und leibt“ wirklich einer, obwohl das Kulturforum nicht mit Begriffen hausieren geht – weil es das gar nicht nötig hat. Dazu sind die Gäste, die sich regelmäßig hier einfinden, bereits zu etabliert in der Münchner Kulturszene. Die Zugkraft, die sich daraus entwickelt, macht jegliches Trommeln überflüssig, aber viele schöne Begegnungen und Wiedersehen möglich.

Links Renate Döring mit Michael Stephan, rechts Ulrike Turner vom Kulturforum Schwabing West mit mir

Titelbild, von rechts:
Lena Zöllner, von der die meisten Fotos stammen, Maharani Chakrabarti, Gaby dos Santos, Julian Nida-Rümelin; fotografiert von Michael Stephan



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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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