Stichwortgeber für Patricias bitteres „Nie-werden-wir-mitgedacht“ Fazit, war ein Laternenmast, den man aus unerfindlichen Gründen mitten auf einem sowieso schon engen Bürgersteig errichtet hatte. Der führte hinter dem Asam Schlösserl steil bergauf, respektive bergab. Um heimzukommen, musste Patricia ihn mit ihrem voluminösen Elektrorollstuhl umschiffen.

Eine gefährliche Situation, die auf dem Hinweg, an einer weiteren Stelle, noch durch einen quer darauf abgestellten E-Roller verschärft worden war!
🤔 – Wer um alles in der Welt entledigt sich eines Stehrollers mitten in Nirgendwo, an einem steilen Hang? –
Da Patricia den Hinweg alleine zu bewältigen hatte, war sie ausgerechnet an dieser wenig belebten Schräge auf Passanten angewiesen, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen. Eine für die Rollstuhlfahrerin beängstigende Situation, die ich auf dem Rückweg fotografisch nachgestellt habe.
Unser Ziel war Patricias neue Wohnung. Aus ihrer alten Bleibe war sie kürzlich, mittels Psycho-Terror, vom Vermieter herausgeekelt worden. Für Patricia ein Desaster, das zum Verlust ihrer zentral gelegenen Wohnung geführt hatte, keine Kleinigkeit für einen Menschen mit schwerer Gehbehinderung! Zwar hatte sie sich gerichtlich, mit guten Aussichten auf Erfolg, gegen eine Kündigung wehren wollen. Doch der mit ihrer Klage verbundene, menschliche und juristische Dauerbeschuss der gegnerischen Seite traumatisierte sie derart, dass sie schließlich doch aufgab und fluchartig, nach 30 Jahren Mietverhältnis, mit ihren Katzen auszog.

Verstärkt wird Patricias derzeitige Entwurzelung durch die mangelhafte Kooperationsbereitschaft der Umzugsfirma:
Deren Packer erscheinen offensichtlich nur dann bei Patricia, wenn auftragsmäßig gerade nichts anderes anliegt!!! – und stets nur für wenige Stunden, weswegen seit März die Hälfte von Patricias Hausrat noch immer in Lagern der Spedition „Champignons ansetzt“. 😏
Daher sah sich Patricia mittlerweile gezwungen, sich die nötigsten Haushaltsutensilien, z. B. ein Staubsauger, erneut anzuschaffen; aus finanziellen Gründen natürlich via TEMU, mit dem Risiko, dass ihr der Billigschrott demnächst auch noch um die Ohren fliegt!

Da ihr, seit dem Umzug im Januar, die Möbel bislang erst teilweise aufgebaut wurden‼️ manövriert Patricia ihren Rollstuhl, in einem ständigen Slalom, um stapelweise nicht ausgepackte Kisten, Körbe und Koffer! Doch selbst reklamieren kann Patricia nicht, weil die Firmen nicht von ihr, sondern vom betreuenden Amt beauftragt wurden und zwar nach dem üblichen Auswahlkriterium „billig, billiger, Zuschlag!“, nach dem schon so manche Milchmädchenrechnung aufgestellt wurde…


Was ein Heim sein sollte, kommt als Chaos daher, wobei diese Fotos noch harmlos sind. Die „verschärften“ Ansichten wollte Patricia mir gar nicht erst schicken, weil sie sich schämt – für eine Situation schämt, an der sie nicht sie die geringste Schuld trägt. Sie schämt sich dafür, dass andere sie, als Mitbürgerin mit Behinderung, im Stich gelassen haben. Das empfinde ich als traurig und beschämend!
Die zuständige Bezirkssachbearbeiterin scheint, trotz mehrfacher Nachfragen Patricias, überfordert, immerhin steht der Mai vor der Tür! Da verwundert es nicht, dass Patricia langsam aber sicher auch noch das letzte bisschen Puste ausgeht, dass sie bräuchte, um weitere wichtige Schritte einzuleiten, wie die Kontaktaufnahme mit dem BOT der Hausverwaltung, wegen der dringend anstehenden Beseitigung von Wohnungsmängeln oder das Einholen von Angeboten für ein Katzengitter, ohne das sie derzeit nicht einmal Lüften kann, da die Fenster sich momentan auch nicht kippen lassen… Mit einem andauernden Gefühl der Entwurzelung vegetiert Patrizia nun also zwischen Umzugskisten vor sich hin, weil sie nicht mehr weiß, wo überhaupt anfangen, mit dem Troubleshooting…
Schon morgen könnte Jede und Jeder sich an Patricias Stelle wiederfinden!
Heimwärts vom Biergarten-Besuch mit Patricia, ihrem ersten Ausflug seit Wochen überhaupt, kamen wir an blühenden Bäumen vorbei, die mir einen Beitrag auf der Homepage ihrer Randgruppenkrawall– Initiative in Erinnerung riefen:
(…) „Mein Weg führte mich durch den Alten Botanischen Garten, in dem nach einem warmen Winter schon erste Blüten an den Zweigen sprossen. Ich liebe den Frühling. In meiner Freude umarmte ich ein paar Bäume und streichelte ihre Blätter. Als zahlreiche winzige Spinnentierchen über meine Hand rannten und unter dem Ärmel verschwanden, schüttelte ich den sichtbaren Teil sanft ab und ging weiter. (…)“

[Einige Zeit später erkrankte Patricia schwer]
(…) „Es hat trotz mehrerer Krankenhausaufenthalte noch ewig gedauert, bis ich erfuhr, was der Auslöser war: Die Spinnentierchen waren Nymphen, d.h. gefährliche kleine Zecken, die beim Blutsaugen Borrelien übertragen können. Seither leide ich an ich einer Gehbehinderung und einem umfangreichen Sammelsurium an weiteren Symptomen. (…)“
Zitat: Randgruppenkrawall – Behindertenprotest . Homepage zur Initiative von Aktivistin Patricia Koller
Weitere Stimmen und Fallbeispiele aus meinem Freundeskreis, zum Themenkreis „Inklusion, Barrierefreiheit, Selbsthilfe“:
Ein Gänsehautschicksal, aber beileibe kein Einzelfall! So hartnäckig man solcherart Damoklesschwert auch von sich schieben möchte!

Meine langjärige Freundin Cornelia Prößl erlitt bei der Feier zu ihrem 44. Geburtstag aus heiterem Himmel einen Schlaganfall. Danach war nichts mehr, wie bisher. Schluss mit Highheels und Minirock! Stattdessen Gesundheitsschuhe, langwierige Reha-Maßnahmen, die bis heute andauern, und Schwerbehinderten-Rente statt der Karriere als PR-Fachkraft in der Kunst- und Kulturbranche. die so vielversprechend begonnen hatte. Sie schrieb mir zum Thema:
(…) U.a. erlebe ich ständig doofe Bemerkungen. Erst neulich wieder haben zwei Frauen über mich gelästert, weil ich körperlich eingeschränkt bin und heute am Flughafen auch wieder. Das waren ältere Damen, die sich darüber aufgeregt haben, dass ich mit meiner körperlichen Einschränkung alleine verreisen. Traurig, aber wahr. Das erlebe ich mittlerweile fast täglich. (…)
Als Conny in den Anfangszeiten ihrer Behinderung bei mir wohnte und noch unter erheblichen Einschränkungen des Gleichgewichts litt, habe ich sie anstelle des Stocks mit Krücken ausgestattet, um der Umwelt besser zu verdeutlichen, dass sie es hier mit einer schwerbehinderten Frau zu tun hatte, dass also bitte Rücksicht angemahnt war! Nur so liess sich für Conny das Risiko, über den Haufen gerannt zu werden, minimieren!😏
Von der permanenten- und oft vergeblichen – Suche nach Aufzügen ganz zu schweigen! Gut dass Conny bei mir ausgezogen ist, BEVOR am Rosenheimer Platz die Aufzüge eine gefühlte Ewigkeit still standen. Die Durchsage in den S-Bahnen, wer auf einen Lift angewiesen sei, möge doch bitte mal eben bis zum Ostbahnhof weiterfahren, muss sich für gehbehinderte Menschen wie blanker Hohn angehört haben!

„(…) Bevor ich selbst betroffen war, ging ich immer davon aus, dass für Schwerbehinderte in Deutschland gut gesorgt werde. Mir waren weder die Barrieren im Alltag noch in den Köpfen der Allgemeinheit bewusst und was es letztlich heißt, nicht überall hin zu können (…)“
Zitat: Randgruppenkrawall – Behindertenprotest . Homepage zur Initiative von Aktivistin Patricia Koller
Es gereicht der Mehrheitsgesellschaft kaum zur Ehre, dass jemand wie Patricia seinerzeit zur Selbsthilfe gegriffen hat und sich seither als Aktivistin für Behindertenrechte engagiert, u.a. mit der alljährlichen
Protestkundgebung auf dem Marienplatz
Randgruppenkrawall, 2026, am SA, 18. Juli, ab 15h

Auch meine Conny engagiert sich inzwischen nach dem Motto „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir niemand!“ ; dito meine Freundin Angelica Fell: Als ihr Sohn Dennis den Wunsch äußerte, Schauspieler zu werden, fand sich deutschlandweit keine Schauspielschule für Menschen mit Trisomie 21 oder anderen Behinderungen. Daraufhin gründete sie kurzerhand, zusammen mit Tochter Lili, 2015 die visionäre Freie Bühne München, mit angegliederter Ausbildungsstätte, offen für Menschen mit und ohne Behinderung. Inzwischen eine Erfolgsgeschichte, sowohl in puncto „Inklusion“, als auch künstlerisch – und Dennis gehört seit einigen Jahren sogar zum Ensemble der Münchner Kammerspiele!
FAZIT:
Doch kann es angehen, dass das Vorantreiben inklusiver Maßnahmen so oft den Initiativen der Betroffenen überlassen bleibt? Hier wäre noch mehr Einsatz seitens Staat, Stadt und Gesellschaft gefragt – und somit mehr Hilfestellung von uns allen! Konkret gefragt: Wie soll eine Patricia ihren Behinderten-Aktivismus konstruktiv weiter betreiben, solange niemand ihr hilft, endlich ihre Umzugskisten in endlich fertig aufgebaute Möbel einzuräumen⁉️

An diesem Beitrag arbeite ich seit einem Biergarten-Nachmittag mit Patricia (s. Titelfoto). Das Erlebte, Gesehene und Gehörte hat mich im Nachgang so sehr beschäftigt, dass ich, nicht zuletzt mir selbst, in Erinnerung rufen möchte, dass uns alle, zumal als Teil einer stetig alternden Gesellschaft, jederzeit ein Schicksalsschlag wie der von Conny oder Patricia ereilen oder das eigene Kind mit einer Behinderung geboren werden könnte und in Folge
„(…) aussortiert, vielfach in Heimen abgestellt, unsichtbar für den Rest der Gesellschaft (…)“
Zitat: Patricia Koller, über das Schicksal vieler Menschen mit Behinderung, 26.04.2026
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