Stefan Hentz‘ Miles Davis-Biografie „Sound eines Lebens“: Kongenial und rein analog entdeckt bei „buch&töne“ in Haidhausen

Ein solches Kauferlebnis hätte mir kein Online-Shop bescheren können!
Eine glückliche Fügung präsentierte mir heute früh das Schaufenster meiner Stammbuchhandlung buch&töne in Haidhausen: die neue Miles-Davis-Biografie Sound eines Lebens von Stefan Hentz.

Für mich als Fan in Personalunion – sowohl des Jazz als auch literarischer Biografien – war das Buch ein absolutes Must-have. Zumal ich mich erst kurz zuvor mit dem Autor selbst telefonisch darüber ausgetauscht hatte. In Ladeninhaber Thomas Voglsang fand ich den gewohnt versierten Ansprechpartner. Aus dem Stand tauchte er in die Materie ein und wies mich prompt auf ein weiteres Buch hin, das griffbereit an der Kasse lag: Jürgen Goldsteins Blau – Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen. Darin findet sich ein glänzender Essay über Miles Davis, assoziativ inspiriert von „Blau“ als visueller Klangfarbe für dessen bahnbrechendes Album Kind of Blue.

Dass Thomas Voglsang diesen Text bereits ins Zentrum einer eigenen Lesung gestellt hatte, verwunderte mich angesichts der vielen Fügungen rund um Miles Davis kaum noch. Vielmehr stellte sich jene vertraute Geborgenheit ein, die mich bei solchen Parallelen stets erfüllt – getragen von der intellektuellen Übereinstimmung mit den Interessen anderer.

Miles Davis – Sound eines Lebens von Stefan Hentz, 2026, Reclam Verlag, 380 S.
Mit 35 Fotos aus der Fotoserie »A Day in the Life of Miles Davis« von Glen Craig

Miles Davis war eine der großen Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, ein Virtuose der Wandlungen, der den Jazz mehrmals neu erfand, künstlerische Integrität mit musikalischer Sensibilität verband und sich nie mit dem Erreichten zufriedengab. Von Birth of the Cool bis Bitches Brew, Milestones bis Tutu und weit darüber hinaus hielt er die Entwicklung seiner Musik im Fluss.

Zugleich war Davis eine komplexe Persönlichkeit, mal schüchtern und mal extrovertiert, mal formvollendet und mal vulgär, mal zart, mal hart, hielt er stets mehrere Perspektiven zugleich in der Balance. Doch bei allem weltweiten Zuspruch, bei allen sichtbaren Früchten des Erfolgs, blieb die Erfahrung des Rassismus der Glutkern, der die untergründige Wut in der Musik und Persönlichkeit des Trompeters speiste. Wer war der Mensch hinter dem „Prince of Darkness“, welche musikalischen Kräfte trieben ihn an?

In seiner im Frühjahr im Reclam-Verlag erschienenen Biographie „Miles Davis – Sound eines Lebens“ nimmt Stefan Hentz die verschiedenen Fäden auf, aus denen die Mythen um den Jahrhundertmusiker geknüpft sind. Der Hamburger Autor, der im Jahr 2019 mit dem Preis für deutschen Jazzjournalismus ausgezeichnet wurde, stellt in dieser Biografie, wie auch in seinen dazugehörigen Lesungen zu Livemusik, Fragen nach dem künstlerischen und dem politischen Selbstverständnis des Trompeters und entwirft ein Kaleidoskop erzählerischer Perspektiven, das im Gegenlicht live gespielter Musik immer wieder neue Funken sprühen lässt. Ihre volle Wirkung, so ist der Autor überzeugt, entfalten Worte über Musik erst in der direkten Begegnung mit gegenwärtiger, live gespielter Musik. Dabei gilt: wer der Musik von Miles Davis gerecht werden will, muss seine eigene spielen.

Die Übereinstimmung kultureller Interesse führte kürzlich auch zu meinem Kontakt mit Davis- Biograf Stefan Hentz. Gewissermaßen von Jazzerin zu Jazzmusiker, da er gemeinsam mit dem TV-Journalisten und Saxophonisten Stephan Lamby in der Jazzband KLING KLONG spielt.

Auf Stephan – mit „ph“ – Lamby wiederum war ich durch seine fesselnde Polit-Dokumentationen im Fernsehen aufmerksam geworden sowie durch sein absolut lesenswertes Buch Dennoch sprechen wir miteinander. Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde.

Nachdem 2025 die Münchner Präsentation dieses Buches an der überbordenden Eloquenz von Lambys Diskussionspartner Horst Seehofer gescheitert und der Büchertisch vorzeitig leergekauft worden war, erwarb ich mein Exemplar bei … genau: buch&töne…

FAZIT

Wer braucht schon Online-Algorithmen, wenn er eine Stammbuchhandlung voller magischer Fügungen hat? Ich bin dann mal lesen – natürlich stilecht mit Kind of Blue im Hintergrund. 😉






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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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