Die Gäste beendeten das Friedensgebet zum zehnjährigen Bestehen des Münchner Rats der Religionen mit einem gemeinsamen Lied. Eine Zeile daraus brachte mich ins Grübeln: „Doch auch in anderen Ländern schlagen Herzen…“ Sie huldigte in besonderer Weise dem menschlich Verbindenden, das einmal mehr im Mittelpunkt der interreligiösen Gesänge und Rezitationen gestanden hatte – als umfassendes, in gemeinsamer Andacht beschworenes Bekenntnis für den Frieden.
Daher war es mir, obgleich ich schon auf gepackten Koffern saß, ein Anliegen gewesen, auch in diesem Jahr teilzunehmen. Kundzutun, wofür ich stehe, halte ich für zielführender, als nur gegen etwas zu protestieren. Worte der Andacht ziehe ich denen der Ablehnung vor, und seien Letztere noch so berechtigt. Ein „F*CK AfD“ spaltet – so fürchte ich – mehr, als dass es uns von den rechtsextremen Strömungen besagter Partei erlöst. Gemeinsame spirituelle Momente hingegen können sich als hochwirksamer gesellschaftspolitischer Kitt erweisen.

Der Satz „Doch auch in anderen Ländern schlagen Herzen…“ brachte mich noch aus einem anderen Grund zum Nachdenken: Diese Herzen schlagen ganz genauso vor unserer eigenen Haustür. Genau in diesem Sinne forderte Generalvikar Christoph Klingan in seiner Ansprache die Anwesenden eindringlich auf, sich auch vor Ort einzubringen:

…“neben dem Gebet für die Menschen in den Kriegsregionen an diesem Tag wieder neu bewusst machen, dass Friede ‚auch bei uns selbst‘ beginne, ‚in unserem Denken und Handeln, im täglichen Miteinander’“.
Generalvikar Christoph Klingan, Erzdiözese München-Freising

Eine berechtigte Aufforderung! Es betet sich nun mal leichter und imagewirksamer in die Ferne, als das Fremde in der eigenen Nachbarschaft aufrichtig zu tolerieren – geschweige denn ins Gebet einzuschließen. Dabei gäbe es vor der eigenen Haustür wahrlich genug zu tun. Doch Religiosität bewahrt uns eben nicht automatisch vor Selbstgerechtigkeit, Vorurteilen und dem Hang zur Selbstdarstellung.
Oft fehlt schlicht die nötige Zivilcourage. Aus reinem Opportunismus distanziert man sich von vermeintlich unbequemen Mitmenschen, anstatt den zwischenmenschlich so gebotenen Schulterschluss zu suchen…
Vielleicht lag es am prunkvollen historischen Ambiente, das zum Bewundern einlud und dadurch ablenkte, oder am hellen Saallicht, das die Festgesellschaft allzu sehr ausleuchtete: Ich nahm das äußere Geschehen messerschärfer wahr, als mir lieb war – und fand deshalb nur schwer in die innere Andacht.
Umso mehr vermisste ich jene zutiefst kontemplative Stimmung, die ich vor einiger Zeit an der Frauenkirche erleben durfte. Damals, als eine von vielen Gläubigen beim Friedensgebet unter freiem Abendhimmel, ein Teelicht in der Hand, hatte mich ein Gefühl spiritueller Verbundenheit getragen.

Doch dieser Einwand meinerseits ändert nicht das Geringste an der tiefen Bedeutung des Friedensgebets als interreligiöser Plattform. Gerade heute, wo ins Wanken gerät, was gestern noch unumstößlich schien, bieten die Heiligen Schriften aller Religionen ein gemeinsames Fundament: Sie vermitteln zeitlose Werte und schenken Halt. Den Botschaften anderer Glaubensgemeinschaften zu lauschen und darin die eigenen Grundsätze wiederzufinden, schafft eine kraftvolle, überkonfessionelle Zuversicht. Genau diese Zuversicht benötige ich gegenwärtig mehr denn je. Nicht nur als Gaby im Privaten, sondern als das gesellschaftliche und politische Wesen, das ebenso in mir steckt.

Den atmosphärisch dichten Klangteppich bildete der Evangelische Dekanatsposaunenchor unter der Leitung von Dr. Michael Kurzmann.
Flankiert wurde die Instrumentalmusik von einem eigens formierten Projektchor unter der Leitung von Peter L. Schneider, der mit Stücken aus dem Liederbuch „Pray for Peace“ ein Zeichen für globale und lokale Versöhnung gleichermaßen setzte. Die Melodik einiger Lieder entfaltete dabei eine Intensität, die jede sprachliche Ausdruckskraft überstieg und umso mehr das Herz berührte.
Für einen weiteren Gänsehaut-Moment sorgte das abschließende Grußwort von Bürgermeisterin Verena Dietl.

Sie rief die Krisen der vergangenen zehn Jahre seit der Gründung des Münchner Rats der Religionen in Erinnerung: Kriege, Pandemie, Extremismus, Migrationskrisen, Klimawandel, wirtschaftliche Sorgen – und der Terroranschlag am OEZ, der sich heuer ebenfalls zum zehnten Mal jährte.
Eine Chronik gesammelter Schrecken, denen das über ein Jahrzehnt gepflegte Anliegen des Friedensgebets wünschenswert positiv gegenüber steht.
Verena Dietls Worte zeigten unmissverständlich, wie notwendig eine Institution wie der Münchner Rat der Religionen ist. Wenn Probleme die Möglichkeiten des Einzelnen bei Weitem übersteigen, müssen wir das Verbindende suchen, um gemeinschaftlich und werteorientiert zu handeln. Genau in dieser Erkenntnis liegt der tiefere Sinn dieses alljährlichen Friedensgebets.
Unter den Gästen gesichtet; Imam Benjamin Idriz, Mitbegründer des Münchner Rats der Religionen
Gebe ich nun einem Imam die Hand – oder eher nicht? Diese Unsicherheit trübte ein wenig meine Freude, Imam Benjamin Idriz einmal persönlich zu begrüßen. Ich traf ihn an der Seite von Verena Dietl und stellte mich ihm kurz vor.

Wie weit wir allerdings noch von einem echten interreligiösen Dialog entfernt sind, lese ich regelmäßig und mit großem Bedauern an der Art und Weise ab, wie Herr Idriz in den sozialen Medien angefeindet wird. Und das, obwohl sich der Imam der Penzberger Moschee und Vorstand des Münchner Forums für Islam wie kaum ein anderer für den interreligiösen Dialog einsetzt. Dennoch kursieren „unkaputtbar“ Gerüchte übelster Art über ihn – und seine Posts zu teilen, heißt nicht selten, einen Shitstorm zu ernten. Das besorgt mich sehr, aber noch mehr betrübt es mich, denn Benjamin Idriz‘ Verdienste sind unbestreitbar – was nicht zuletzt seine Einladungen in die Bayerische Staatskanzlei belegen! (LINK)
Diese Attacken sind Symptom eines zutiefst besorgniserregenden antimuslimischen Rassismus, der momentan fast noch schneller an Fahrt aufnimmt als Antisemitismus und Antiziganismus. Eine erschreckende Entwicklung. Quo vadis, Gesellschaft?
Mitwirkende am Friedensgebet:
- Generalvikar Klingan, Erzdiözese München und Freising
- Stadtdekan Bernhard Liess, EKD
- Rabbiner Tom Kučera, Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom
- Imam Belmin Mehic, Münchner Forum für Islam (MFI)
- Ergün und Yasemin Erdoğan, Alevitische Gemeinde München
- der bulgarisch-orthodoxe Erzpriester Nedialko Kalinov
- Erika Grimm, Deutsche Buddhistische Union
- Sandra Schönitzer, Baha’i-Gemeinde
- Heide Duckert, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
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