Stufe für Stufe ging es abwärts. Hinein ins ausgebaute Gästesouterrain von Christian Ude und seiner Frau Edith von Welser Ude.

Der ehemalige Luftschutzkeller im Herzen Schwabings entpuppte sich schnell als ein Refugium jenseits des Alltäglichen – genau die Art „TraumRaum“, nach dem ich ständig Ausschau halte. Denn an solchen Orten warten unzählige Geschichten jener Sorte, die mich inspiriert und über die ich leidenschaftlich gerne schreibe.
Das gilt erst recht in den vier Kellerwänden dieses renommierten Münchner Politiker-Ehepaares, das die jüngere Stadtgeschichte mitgeprägt hat.
Davon zeugen Erinnerungsstücke in jedem Winkel und an jeder Wand, Zeitungsartikel, Karikaturen, Kunst und Trödel, von Nah und Fern.





Diese unterirdische Wunderwelt der Udes eignet sich hervorragend als kreatives Epizentrum des 1988 gegründeten und inzwischen fest in der Szene etablierten Kulturforums der Sozialdemokratie in München e.V.
„(…) Ein Zusammenschluss von etwa 570 kulturell interessierten Münchnerinnen und Münchnern, die der Sozialdemokratie angehören oder ihr nahestehen. Ein Kreis, der sich häufig trifft bei monatlichen Kulturstammtischen, bei Werkstattbesuchen, in kulturellen Einrichtungen, bei Literatur- und Diskussionsveranstaltungen, bei der Filmreihe oder der Architekturfahrt, bei Kulturexkursionen und Festen. Ein Forum für Begegnungen von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik. Ein Sprachrohr für kulturpolitische Forderungen. Ein selbständiger Verein, der 1988 gegründet wurde und seither weit über 1000 kulturelle und kulturpolitische Veranstaltungen durchgeführt hat. (…)“
Quelle: kulturforum-muenchen.de/
Bis vor Kurzem war es noch im Münchner Künstlerhaus beheimatet – einige Jahre sogar parallel zu meiner eigenen Kulturplattform jourfixe-muenchen e.V. Und doch hatte ich bislang keine einzige ihrer Veranstaltungen besucht. Es ist wohl ein wenig so, dass jede und jeder von uns Kunst- und Kulturschaffenden im eigenen Hamsterrad rotiert.

Ausschlaggebend dafür, dass ich jetzt endlich, gemeinsam mit Alexander Diepold (Madhouse KULTUR der Sinti & Roma, obiges Foto) den Weg nun auch in die Tiefen jenes stattlichen Altbaus im Herzen Schwabings gefunden habe, in dessen oberen Etagen ich schon des Öfteren Udes Tochter Susanne von Lieven-Jell besucht hatte, hieß Jürgen Enninger. Er blickt auf eine Biografie voller beruflicher Facetten zurück, die organisch aufeinander aufbauen – ein wahres Mosaik an Stationen, das dem Publikum im Kulturforum präsentiert wurde.
Bereits vor fünf Jahren habe ich Jürgen in einem Blogbeitrag als „Allrounder der Kunst- und Kultur-Branche“ bezeichnet und weiter:
„(…) Dabei gehört er aber keineswegs der Gattung „von allem ein wenig und dabei nichts g’scheits“ an, sondern bringt eine umfassende Ausbildung in seine Aktivitäten ein, akademisch ebenso, wie praktisch: Zunächst studierte er Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit an der Universität Eichstätt und absolvierte ein Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraum-Studium, mit Abschluss als Diplom-Kulturwirt an der Universität Passau. (…)“
> Zum ausführlichen Portrait

Dieses Doppelstudium verband geisteswissenschaftliche Werte mit handfestem kulturwirtschaftlichem Know-how. Es bildete das Fundament für Enningers weitere Karriere. Im Laufe seines Werdegangs erweiterte er seine Expertise in ganz unterschiedlichen Führungspositionen der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Jürgen Enninger vor einer Karikatur von Dieter Hildebrandt
Seine internationale Ausrichtung zeigt sich in vielen Stationen: So absolvierte er Studienaufenthalte in den Niederlanden und Kanada und arbeitete in Hongkong. Zudem war er im weltweiten Musikmanagement tätig, unter anderem für Enja Records.
Heute engagiert er sich im Beirat des Goethe-Instituts. Geprägt von diesen globalen Perspektiven verbindet er ein feines Gespür für Synergien mit einem klaren Ziel: Er vernetzt Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Akteure ganzheitlich miteinander.
Entsprechend äußert Enninger in seinem Danksagungspost an die OrganisatorInnen des Kulturforums:
„(…) Wie schaffen wir Orte, an denen Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft gemeinsam wachsen können? Diese Frage hat unseren Austausch geprägt. (…)“
Genau dieses Kernanliegen zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes bisheriges Schaffen. Als Leiter der Jutier- und Tonnenhalle kann Jürgen Enninger diesen Weg nun konsequent weiterverfolgen. Hier findet er die kongeniale Verwirklichungsstätte für seine Visionen. Als Gesamtprojektleiter der beiden historischen Hallen im Münchner Kreativquartier an der Dachauer Straße steht er an der Spitze eines der für uns Kunstschaffende derzeit vielversprechendsten städtischen Kulturprojekte. > LINK

Als eine von ihnen, die sich Historicals als Bühnenformat verschrieben hat, interessieren mich solche neuen Spielstätten natürlich brennend. Obwohl an diesem Abend zum aktuellen Status von Jutier- und Tonnenhalle noch nicht viel Neues spruchreif war, tat dies der Dynamik keinen Abbruch:
Das vom Vorstandsmitglied und Kulturforum-Urgestein Haimo Liebich kompetent und einfühlsam geführte Interview bot stattdessen die perfekte Gelegenheit, noch einmal vertiefend durch Jürgen Enningers Vita zu blättern. Diese intensive biografische Rückschau – empfand ich – ganz abgesehen von der Wiedersehensfreude – als an sich schon abendfüllend.
Die anschließende Diskussion entzündete sich am Begriff der Kreativwirtschaft – genauer gesagt, an dessen zweitem Teil. Christian Ude warnte mit gewohnter Eloquenz vor einer rein ökonomischen Bewertung der Kunst, und Stadtrat Lars Mentrup stieß in das gleiche Horn. Einseitig betrachtet durchaus zurecht: Auch ich habe schon irritierende Wortwechsel mit Marketing-Akteuren aus der Branche geführt, die keine Ahnung von den Gesetzmäßigkeiten der freien Kunst hatten, davon aber umso mehr. Das traf jedoch niemals auf Jürgen Enninger und das Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft zu, das er bis 2020 in München leitete. Im Gegenteil: Die KünstlerInnen meiner Kulturplattform und ich haben stark von deren Beratung profitiert. Es war mir ein echtes Herzensanliegen, diese positive Erfahrung im Forum klarzustellen.

Besonders erfreulich war es zudem, am Rande der Veranstaltung langjährige digitale Kontakte endlich ins echte Leben zu holen. Menschen wie dem langjährigen Kommunalreferenten a.D. Axel Markwardt oder Renate Renate Kürzdörfer, der amtierenden Vorsitzenden des Kulturforums der Sozialdemokratie in München, bin ich schon seit Jahren über die sozialen Medien verbunden – nun kam es endlich zum persönlichen Kontakt.

Für eine Überraschung sorgte darüber hinaus das Wiedersehen mit der charismatischen Pianistin Maharani Chakrabarti. Erst im Sommer durfte ich ihren und Michael Stephans Geburtstag in einer fantastischen Salon-Atmosphäre miterleben. Maharani bringt mit ihrem Talent, ihrer Disziplin und ihrer Persönlichkeit alles mit, um in der Kunst- und Kulturszene an vorderster Front mitzuwirken – und engagiert sich zudem tatkräftig als Schriftführerin im Vorstand des Kulturforums. Dass sie ihre Präsenz auch für gesellschaftlich relevante Debatten nutzt, beweist ein Blick auf den Kalender:
Zu einem Thema, das gerade jetzt unter den Nägeln brennt
– „Wie moralisch/politisch darf bzw. soll Kunst sein?“ –
wird Maharani Chakrabarti am Montag, 2. November, um 19h, im Kulturforum der Sozialdemokratie in München ein hochkarätiges Gespräch führen.
Ihr Gast ist kein Geringerer als Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin. Der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister zählt übrigens zu den gewichtigen Mitbegründern des Forums.

Zu meinen markantesten Eigenschaften gehört es, problemlos von einem Extrem in das andere zu wechseln. 😉 Da passt es bestens ins Bild, dass ich in all den Jahren seit der Gründung des Kulturforums keine einzige Veranstaltung besucht habe, es mich nun aber – direkt am Tag nach meinem Antrittsbesuch in Udes Keller – gleich zum Filmabend über den „jungen Kreisky“ zog. Nicht zuletzt, weil nach der Filmvorführung Christian Ude über seine persönlichen Erfahrungen mit dem großen österreichischen Politiker berichtete. Und Ude aus dem Nähkästchen plaudern zu hören, ist immer ein lohnendes Erlebnis.
Mehr dazu in einem Blogbeitrag – nachstehend die verlinkte Vorschau: >
FAZIT am Rande:
Abgesehen vom eingangs erwähnten Hamsterrad beruht mein verspäteter erster Besuch im Kulturforum der Sozialdemokratie ebenso auf verkrusteten Vorbehalten. Unter vielen Kunst- und Kulturschaffenden außerhalb des Forums – mich eingeschlossen – hatte sich eine subjektive Skepsis eingeschlichen. Man fühlte sich ausgeschlossen und sah die eigenen Chancen angesichts eines so hochkarätigen Zirkels geschmälert. Im ohnehin angespannten Wettbewerb um Förder- und Auftrittsmöglichkeiten entstehen leicht Empfindlichkeiten. Als dann manche Kolleginnen und Kollegen aus dem begehrten Inner Circle des Forums uns Außenstehenden gegenüber eine spürbare Süffisanz an den Tag legten, verfestigte dies die Vorurteile erst recht.
Vernünftiger wäre es sicher gewesen, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich vor Ort selbst ein Bild zu machen – doch man wähnte sich schlicht nicht willkommen. Schade um die vielen guten Stunden, die ich im Kulturforum hätte verbringen können, statt im Schmollwinkel. Aber es ist ja bekanntlich nie zu spät. 😉“
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