Die intensivste Form des Theaters entfaltet sich für mich im intimen Rahmen. In Christiane Brammers Münchner Hofspielhaus mit seinen rund 70 Plätzen bewahrheitet sich das stets aufs Neue, denn hier wird das gestalterische Potential eines intimen Rahmens voll ausgeschöpft, gekonnt die Essenz aus allen Genres der Musik und der darstellenden Kunst gefiltert und inszenatorisch überzeugend angeglichen. Was auch immer sich dann auf der Bühne entfaltet, überträgt sich unmittelbar auf das Publikum. Kunst und Erleben verschmelzen zu einer spürbaren Einheit, in der sich Bühne und Zuschauerraum gegenseitig Impulse geben. Diese Form der Symbiose lebt von einer Nähe, wie sie die weitläufigen Säle der umliegenden Staatstheater gar nicht bieten können. Große Bühnen punkten auf andere Art – das hautnahe Kulturerlebnis aber bleibt dem intimen Raum vorbehalten. Die Formel des „Weniger ist mehr“ alleine garantiert jedoch noch kein Qualitätstheater. Es bedarf zudem – und insbesondere – eines guten Händchens bei der Wahl der Stoffe.

Dass dieses Gespür im Hofspielhaus vorhanden ist, beweist die aktuelle jüdische Komödie „Oh Mein Gott!“ der israelischen Dramatikerin Anat Gov (1953–2012) par excellence, obwohl das Stück leicht hätte scheitern können. Denn dieses Kammerspiel in Echtzeit wird von nur einem Darsteller-Paar getragen. Ein dialoglastiges Stück also, das allerdings durch eine ausgesprochen originelle Handlung punktet, in der nicht weniger als die gesamte Weltordnung ins Wanken gerät: Ein Klient sucht eine Psychotherapeutin auf und entpuppt sich als Gott höchstpersönlich….
„(…) Gott leidet unter einer schweren Midlife-Crisis und beschließt, der gesamten Schöpfung ein jähes Ende zu setzen. In einer existenziellen, exakt 60-minütigen Therapiestunde versucht die atheistische, alleinerziehende Psychologin Ela, den depressiven Schöpfer umzustimmen und die Menschheit zu retten. (…)“
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Doch aus dem Therapiegespräch zwischen der Psychologin – gespielt von der an der renommierten Münchner Otto-Falckenberg-Schule ausgebildeten Schauspielerin Mira Huber – und „Gott“, facettenreich verkörpert vom bekannten Film- und TV-Schauspieler Heio von Stetten, entwickelt sich unter der präzisen Regie von Matthias Steurer ein dramaturgischer Sog. Dessen Dynamik hat mich die gesamte Inszenierung über gefesselt. Zudem schätze ich die Drastik des jüdischen Humors; zum anderen stehen existenzielle, insbesondere theologische Debatten ganz oben auf der Liste meiner Interessen – gerne auch mit Rückgriff auf das Buch der Bücher. Die Kombination dieser Elemente, gepaart mit der unübersehbaren Spielfreude des Schauspielerduos, war ein wahrer Genuss: Die beiden warfen sich die Pointen nur so zu. Das Premierenpublikum quittierte den Abend mit begeistertem, langanhaltendem Applaus.


Diese Inszenierung werte ich als einen weiteren Glücksgriff von Christiane Brammer bei der Gestaltung ihres Theaterprogramms. Denn die Erfolgsformel, die ihre Bühne seit nunmehr 11 Jahren so reibungslos am Laufen hält, trägt nicht zuletzt ihren eigenen Namen respektive ihre künstlerische Handschrift: „Christiane Brammer“.

Und das wundert mich nicht, denn sie wuchs selbst als „Theaterkind“ inmitten einer hochkarätigen Künstlerfamilie auf, in der das Bühnenleben den Alltag bestimmte. Ihre Eltern, die Schauspieler Dieter Brammer und Inge Rassaerts, gründeten und leiteten einst das renommierte, weltweit reisende Tournee-Ensemble „Die Brücke“.
Entsprechend gut vernetzt ist Christiane Brammer mit der TV- und Theaterszene, was immer wieder zu prominenten Besetzungen vor und auf ihrer Bühne führt. Einem breiten Publikum ist sie selbst u.a. als feste Darstellerin aus der langjährigen TV-Erfolgsserie „Die Fallers“ bekannt.
Für das Foto bat ich sie, auf der Schaukel Platz zu nehmen, die Teil des Bühnenbilds ist. Dieses Motiv steht wunderbar symbolisch für die unnachahmliche Leichtigkeit, mit der sie ihrer Umwelt begegnet. Dahinter verbirgt sich zweifellos ein gerütteltes Maß an Disziplin und Durchsetzungsvermögen, ohne die kein Kulturbetrieb zu führen ist – doch ihr Charme besticht aus dem Stand.
Ohne Zweifel ist das Theater fest in Christianes DNS verankert und die eigene Bühne ebenso tief in ihrem Herzen.
Genau deshalb fühlt man sich als Gast in ihrem Haus derart willkommen: weil man es als Teil des unverzichtbaren Publikums tatsächlich ist.
So habe ich es bei jedem meiner bisherigen Besuche erlebt – und so war es auch jetzt wieder bei unserer Begrüßung im Vorfeld der Premiere von „Oh Mein Gott!“.

FAZIT
Wer großes Theater in faszinierender Unmittelbarkeit erleben möchte, sollte sich diesen jüdischen Geniestreich im Hofspielhaus nicht entgehen lassen! Denn wenn selbst der Schöpfer im Angesicht seiner Schöpfung verzweifelt, bleibt am Ende dieses klugen Abends die leise Frage zurück, ob wir der Welt nicht alle mit etwas mehr Demut und Humor begegnen sollten 😉
Alle Termine 2026/27 von „Oh mein Gott“ im Hofspielhaus
Oktober 2026
- Sonntag, 25.10.2026 um 19:00 Uhr
- Samstag, 31.10.2026 um 20:00 Uhr
November 2026
- Samstag, 07.11.2026 um 20:00 Uhr
- Sonntag, 08.11.2026 um 18:00 Uhr
- Samstag, 14.11.2026 um 20:00 Uhr
- Freitag, 20.11.2026 um 20:00 Uhr
- Sonntag, 22.11.2026 um 18:00 Uhr
Dezember 2026
- Donnerstag, 03.12.2026 um 20:00 Uhr
- Donnerstag, 17.12.2026 um 20:00 Uhr
Januar 2027
- Samstag, 09.01.2027 um 20:00 Uhr
- Sonntag, 10.01.2027 um 18:00 Uhr
- Sonntag, 17.01.2027 um 18:00 Uhr
Februar 2027
- Sonntag, 14.02.2027 um 18:00 Uhr
- Freitag, 19.02.2027 um 20:00 Uhr (Finale Vorstellung)
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