Gipfeltreffen gegen Antiziganismus: Ein Status Quo zur Situation von Sinti und Roma in Deutschland, skizziert von Alexander Diepold (1. Vorsitzender des BVSR) und Benjamin Adler (Antiziganismusbeauftragter in München) für Michael Brand (Antiziganismusbeauftragter des Bundes)

‼️82 Millionen Aufklärungsgespräche, so Benjamin Adler, der in München als Antiziganismusbeauftragter eingesetzt ist, werden notwendig sein, um Antiziganismus nachhaltig zu bekämpfen. Diese gewaltige, rhetorisch überspitzte Zahl stammt direkt von Benjamin Adler und stand wie ein unsichtbares Ausrufezeichen über einem persönlichen Gesprächessen, zu dem Michael Brand, der Antiziganismusbeauftragte des Bundes, eingeladen hatte.

In entspannter, aber hochkonzentrierter Atmosphäre am gedeckten Tisch debattierte die Runde zwischen den einzelnen Menügangen, wie tief verankerte Vorurteile in der Gesellschaft endlich aufgebrochen werden können.

Wie eine solche Sisyphusaufgabe in der Praxis aussieht, zeigt die tägliche Arbeit von SIRO München. Getragen von den Sinti*- und Roma*-Selbstorganisationen Romanity e.V. und der Madhouse gGmbH, ist die Anlaufstelle ein echter Motor für Veränderung. Hier lenkt Benjamin Adler als tragende Säule die Geschicke der Aufklärungs-, Sensibilisierungs- und Empowermentarbeit vor Ort. Das Ziel der Einrichtung ist klar gesteckt: Die gesellschaftliche Teilhabe von Roma* und Sinti* stärken und die Minderheit von innen heraus vernetzen. Ob in intensiven Workshops, lebendigen Veranstaltungen oder durch gezieltes Informationsmaterial – SIRO packt das Problem unter Adlers maßgeblicher Leitung an der Wurzel. Seine Hauptaufgabe brennt dabei auf den Nägeln: Er sensibilisiert Sozialarbeitende, Multiplikator*innen, städtische Teams, freie Träger und Schulen, um den Blick für Diskriminierung im Alltag zu schärfen. Doch Aufklärung allein reicht nicht, wenn das Fundament wackelt.

Alexander Diepold, der erste Vorsitzende der Bundesvereinigung Sinti und Roma Deutschland (BVSR), brachte zwischen den einzelnen Menügangen konkrete politische Anliegen auf den Tisch. Er forderte mit Nachdruck jenen historischen Schritt zur Gleichstellung, den die Community gegenüber der Bundesregierung schon so lange anmahnt: Einen umfassenden Staatsvertrag für Sinti und Roma auf Bundesebene. Nur eine solche gesetzliche Verankerung schafft echte Augenhöhe und dauerhaften Schutz. Gleichzeitig nahm Diepold die Bundesregierung in die Pflicht: Wenn bildungslastige Stiftungen wie die Hildegard Lagrenne Stiftung endlich eine verlässliche, institutionelle Förderung erhalten, lässt sich der immer noch desaströsen Bildungsbenachteiligung von Sinti und Roma erfolgreich entgegenwirken. Zum Abschluss des Abends lenkte er den Blick auf ein oft unsichtbares Problem: Die prekäre Realität an der Basis. Ein Großteil der BVSR-Mitgliedsorganisationen stemmt die gesamte Arbeit komplett ehrenamtlich. Ohne jeden Cent an Bundesmitteln für eine Basisbetreuung oder strukturierte Mitgliederpflege wird der Kampf gegen Hass und Hetze allein auf den Schultern freiwilliger Helfer ausgetragen!

Ein Zustand, der sich dringend ändern muss. Denn nur durch eine echte Strukturoptimierung entsteht automatisch jene gesellschaftliche Parität, die – zwar schrittweise, aber dafür goldrichtig und sicher – die ironisch heraufbeschworenen 82 Millionen Einzelgespräche am Ende völlig überflüssig machen würde.


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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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