Die Arheilger Straße in Darmstadt ist heutzutage eine unspektakuläre kleine Nebenstraße. Dennoch erlangte sie Anfang der 1980er Jahre traurige Bekanntheit: Wo sich heute Bäume, etwas Rasen und ein eher trister Parkplatz befinden, stand einst ein von Roma bewohnter Wohnkomplex. Den ließ der damalige Oberbürgermeister Günther Metzger (SPD) gleich zu Beginn seiner Amtszeit, 1983 – in Abwesenheit der Familien – abreißen.
Fatima Stieb, Bildungsreferentin und Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Sinti & Roma Landesverband Hessen mit Jugendlichen der deutschen RomnoPowerClubs in der Arheilger Straße – einer der Stationen des Rundgangs zu markanten Orten der Darmstädter Sinti- und Roma-Chronik.
„(…) In dem Haus befanden sich noch sämtliche persönliche Gegenstände, wie Fotos von Verstorbenen, Möbel etc., sowie eine im Keller von der Stadt zuvor eigens eingerichtete Kupferwerkstatt.
Bei ihrer Rückkehr mussten die Menschen ihren Besitz in den Trümmern suchen.Die insgesamt acht Erwachsenen und elf Kinder wurden, wie zuvor schon die Bewohner*innen der Wormser Str., an den Stadtrand in die Grafenhäuser Str. gebracht, wo sie zunächst nur notdürftig in Zelten und dann in Wohnwagen unterkamen. (…)“
Um seine drastische Vorgehensweise gegen die Roma zu rechtfertigen, bediente Oberbürgermeister Metzger das gesamte Spektrum antiziganistischer Vorurteile und führte Einsturz- sowie Seuchengefahr durch Ungezieferbefall an. Dies rief Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, auf den Plan. Um die behördliche Argumentation und die damit verbundene Menschenverachtung ad absurdum zu führen, erwog Rose, einen Käfig voller Ratten im Darmstädter Rathaus aufzustellen.
Heutzutage „rattenfrei“ 😉 Gruppenfoto der RomnoPowerClubs vor dem aktuellen Rathaus im Luisen-Center – einer der Stationen des Rundgangs zu markanten Orten der Darmstädter Sinti- und Roma-Chronik
Zudem warf Rose dem Oberbürgermeister öffentlich rassistisches Verhalten, „Nazi-Methoden“ und einen Stil ähnlich dem des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer vor. Metzgers anschließende Unterlassungsklage wurde jedoch abgewiesen. Stattdessen widersprachen Personen aus dem Umfeld der Roma – wie ein für die Betreuung der Familien zuständiger Sozialarbeiter – den Vorwürfen des Oberbürgermeisters vehement. In der Folge schlossen sich namhafte Persönlichkeiten wie Simon Wiesenthal, Heinrich Böll, Eugen Kogon und Heinz Galinski dem Protest an.
Im Jahr 1984 stufte zudem das Bundesverfassungsgericht die Abschiebung einer dieser Familien als rechtswidrig und übereilt ein. Das Gericht befand, die Stadt Darmstadt habe die Abschiebung zwar von langer Hand geplant, aber allzu „plötzlich aus der Tasche gezogen“, sodass den Betroffenen kein effektiver Rechtsschutz mehr möglich war. Dies hatte zunächst katastrophale Folgen: Das Roma-Ehepaar wurde mangels gültiger Papiere bei der Ankunft im damaligen Jugoslawien verhaftet, während seine Kinder in Heimen untergebracht wurden. Später ordnete das Gericht jedoch die Rückholung der Familie auf Kosten der Stadt an.
Der rigide Kurs Metzgers gegenüber den Darmstädter Roma führte noch drei Jahre später zu einem Eklat: Bei der Verleihung des renommierten Georg-Büchner-Preises kritisierte der Schriftsteller Erich Fried Metzgers Politik scharf und solidarisierte sich öffentlich mit Romani Rose. Daraufhin verließen der Oberbürgermeister und weitere städtische Vertreter unter Protest den Saal.
Das linke Foto zeigt Hanno Benz während seiner Begrüßungsrede vor den Jugendlichen der bundesweiten RomnoPowerClubs – eine wertschätzende Geste, die für einen vielbeschäftigten Oberbürgermeister keineswegs selbstverständlich ist.
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