Wahlverwandtschaft: Mit Freundinnen und Freunden durch die Dunkelheit – Eine Danksagung -🌹

Als auf der Trauerfeier für meinen Ex-Mann Edir dos Santos die Manhã de Carnaval aus dem Filmklassiker Orfeu Negro einsetzte, beamte mich die Melancholie dieser urbrasilianischen Klänge zurück in die Tage unserer Hochzeit in Rio vor über 30 Jahren. Ein Mann und eine Frau streben im Labyrinth eines Großstadtmolochs vergeblich nacheinander – ein Synonym par excellence für die Verlorenheit im Leben. Selten habe ich mich von der Strahlkraft eines Ortes stärker angezogen und zugleich so mutterseelenallein gefühlt wie damals. Und nun wieder, in diesem Moment intensivster Erinnerung.

Im Vordergrund Dr. Ulrich Schäfert, im Hintergrund Edirs und mein alter Freund, der mozambikanische Pianist Edgar Wilson, an der Geige Jörg Widmoser

Doch dann begann Dr. Ulrich Schäfert, Leiter des Fachbereichs Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising in seiner Trauerrede von „Wahlverwandtschaft“ zu sprechen. Er bezog sich auf jene seelische Heimat, die Edir jahrelang bei Hannes Beckmann und dessen Frau Brigitta fand. Eine Zuflucht, die ich ihm nicht hatte bieten können – was ich aufrichtig bedauere – und er wiederum mir nicht. Umso mehr tröstete mich nun die Einsicht, dass unser beider Mankos durch die schier grenzenlose Zuwendung enger Freundinnen und Freunde in einem Ausmaß kompensiert worden sind, das der Begriff „Wahlverwandtschaft“ wohl am besten trifft. Wobei ich mich nicht selten frage, welchen Anteil ich selbst an der Zusammenstellung einer solcherart Wahlverwandtschaft habe – und welchen die Vorsehung?

Jeder Abschied kann der letzte sein… Die letzte Begegnung von Edir und Gaby dos Santos am 4. Juni 2010!
(Fotografin Barbara Bacher)

Nicht nur Edir, auch ich wäre ohne unsere jeweiligen Wahlverwandtschaften noch haltloser durch unsere Vitas getorkelt. Keine oder eine dysfunktionale Familie zu haben, höhlt die Seele aus, denn der familiäre Umgang ist selten ein Ponyhof. Schließlich handelt es sich bei Sippschaften um hochemotionale Gefüge, bestückt mit schicksalhaft zusammengewürfelten Charakteren, von denen viele ohne verwandtschaftliche Bande wohl kaum miteinander verkehren würden. Sicher birgt dieses breite Spektrum auch Chancen: Es zwingt zum Blick über den Tellerrand, konfrontiert uns mit alternativen Lebensentwürfen und kontrastierenden Weltbildern, denen man in der eigenen Blase entgangen wäre. Doch das führt oft zu Spannungen bis hin zu schmerzhafter Ablehnung. Der Umgang damit erfordert harte Lernprozesse; – vielleicht ist das der verborgene Sinn dieser oktroyierten Losgemeinschaft. Sie zu bewältigen kostet Kraft, oft bis an die Schmerzgrenze. Zudem kann Familie einsam machen. Einsamer, als wäre man in einer Einsiedelei geboren. Hier schlagen Wahlverwandtschaften die Brücke: Sie fangen einen auf, färben depressiven Phasen bunt um und beschenken einen in so vielerlei Hinsicht – ideell wie materiell –, selbst dann, wenn wir zu keiner Gegenleistung fähig sind. Einen Eindruck davon – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – vermittelt die Titel-Collage, mit einigen Momentaufnahmen aus meiner Wahlverwandschaft, während einer Demo, beim Feiern, beim Brainstormen oder Feuerwerk.

Die Fürsorglichkeit, die Petra Windisch de Lates für den Vorsitz der Hilfsorganisation „ Deutsche Lebensbrücke,“ prädestiniert hat, erweitern sie und ihr Mann, der Sänger Thomas de Lates, auch auf den Freundeskreis; ihr Zuhause bot mir schon oft genug Zuflucht

Auch als ich mit Edir ein schmerzvolles Kapitel meines Lebens zu Grabe trug, musste ich diesen letzten Gang nicht alleine antreten: Meine vertrauten Freunde Thomas de Lates und Alexander Diepold waren an meiner Seite. Alexander ist Sinto. Von ihm und aus seinem Umfeld der Münchner Sinti und Roma durfte ich in den letzten knapp zehn Jahren unerwartet viel Wärme und Zuneigung erfahren. Ursprünglich wollte eigentlich ich ihre Community unterstützen – ein Anliegen, dem ich auch nachgekommen bin. Doch zurückbekommen habe ich von ihnen ein Vielfaches…

Alexander Diepold und Thomas de Lates bei Edirs Trauerfeier; Nordfriedhof, 19.5.2026

Obgleich diese Freundinnen und Freunde mein Leben von sehr unterschiedlichen Seiten aus bereichern, bilden sie zusammen meine „Wahlverwandtschaft“, ohne die ich mein Leben – vor allem in den so herausfordernden letzten Jahren – niemals so hätte meistern können. Da kommen mir die Zeilen des letzten Gedichts von Dietrich Bonhoeffer in den Sinn:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. (…)

Dieses Gedicht schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1945 im KZ Flossenbürg, kurz vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten

Meine Wahlverwandten erscheinen mir oft als der verlängerte, irdische Arm dieser „guten Mächte“.

🙏


Bewusst beschränke ich mich in diesem sehr persönlichen Beitrag auf Aussagen, die von allgemeinem Interesse in Bezug auf „Wahlverwandtschaften“ sein könnten, ohne weitere Namen und Details zu nennen – mit der Ausnahme von Peter Lang (Artist Studio im Künstlerhaus) sowie meiner Marianne (seit den gemeinsamen Jahren im Mutter-Kind-Heim). Sie beide sind meinem Leben abhandengekommen, nicht aber meiner dankbaren Erinnerung. 🥀




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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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