Von Brüchen und der Zukunft: Gedanken zu Elisabeth Tworeks inspirierender Laudatio für Gunna Wendt (Bayerischer Poetentaler 2026)

Laudatios lassen mich unberührt, wenn sie zu verkopft sind. Teilweise kann ich ihnen nicht einmal bis zum Ende folgen. Inhaltlich bewegen sie sich oft weit weg von den eigentlich Gepriesenen – mir mangelt es da an der Würdigung des Menschlichen als dem Ausgangspunkt für die jeweilige künstlerische Entwicklung.

Ganz anders verhält es sich bei der Laudatio zur Verleihung 2026 des Bayerischen Poetentalers an Gunna Wendt (Titel-Foto rechts) von Elisabeth Tworek (Titelfoto links). Gunna hatte sie mir gemailt, nachdem ich mich ausgerechnet am Tag der Preisverleihung im Ausland befunden hatte.

In dieser Laudatio erkannte ich den Menschen, die Freundin und die bewunderte Kollegin Gunna Wendt wieder. So sehr – endlich einmal bei einer Laudatio! –, dass ich Zitate Elisabeth Tworeks aufgreifen und durch ein paar eigene Gedanken weiterführen möchte.

In ihrer Laudatio fiel ein Satz, der sich mir aufgrund meiner eigenen Nähe zu Gunnas Werk – das bei mir eine eigene Regalzeile füllt – besonders eingeprägt hat:

„Das können aber auch Brüche sein wie bei Franziska zu Reventlow. Die Gräfin aus dem hohen Norden verzichtet für ihren Lebensentwurf als Schwabinger Bohemienne auf Privilegien ihrer adligen Herkunft.“

Zitat aus Elisabeth Tworeks Laudatio

Besagte „Gräfin“ war es auch, die mich 2017 mit Gunna zusammenführte. Als ich die Schriftstellerin erstmals persönlich im Zuge einer Lesung aus ihrer Reventlow-Biografie traf, faszinierten mich die biografischen Parallelen zu meinem eigenen Leben: Der Bruch mit dem familiären Background, der ausgesprochene Widerwille, sich Konventionen zu beugen, die Nähe zur Bohème – einschließlich der damit einhergehenden finanziellen Durststrecken – das war auch meine Welt! Und dann diese geografische Verbindung: Der Lago Maggiore, wo Franziska ihre letzten Jahre verbrachte und 1918 verstarb, ist der Ort meiner eigenen Jugend. All diese Schnittmengen und Gunnas spezielle Art, sie darzustellen, haben mich damals aus dem Stand elektrisiert.

Das führte zu einem Projekt, das mir unvergessen geblieben ist: 2018 brachten wir zum 100. Todestag von Franziska zu Reventlow ein Historical nach Gunnas Biografie Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin gemeinsam auf die Bühne. Es war die perfekte Symbiose aus ihrer historischen Spurensuche und meinem Erleben. Gunna hatte bereits die Schätze zur ikonischen Schwabinger Bohèmienne in den Archiven gehoben und literarisch verewigt; ich fügte den multimedialen Teil und meine Bildsymbolik hinzu, und gemeinsam haben wir sie on stage lebendig werden lassen.

Genau das zeichnet dich, liebe Gunna, aus. Als deine Freundin und treue Leserin verfolge ich, mit welcher Leidenschaft du dich bei jedem neuen Buchprojekt auf Spurensuche begibst und diese einfühlsam zu literarischen Biografien zusammenfügst – einer Gattung, der du über die Jahre zu stetig wachsendem Renommee verholfen hast.

Dabei trifft Deine Arbeit den Kern einer ganzen Haltung. Elisabeth Tworek bringt dieses Fundament deines Schaffens in ihrer Laudatio auf den Punkt:

„(…) Gunna Wendt portraitiert bevorzugt Frauen, die sich nicht in Rollen drängen lassen – die vielmehr Grenzen ausloten und überschreiten. (…)

Es sind genau diese unerschrockenen Lebensentwürfe, die mich beim Lesen deiner Bücher so tief berühren, weil ich in ihnen auch mir selbst stets ein Stück weit begegne. Wenn ich an deine Arbeit und unsere vielen Gespräche denke, kommt mir ein Satz in den Sinn, den Elisabeth Tworek „aus der Doppelbiografie zu den Schwestern Richthofen mit dem programmatischen Titel Frauen von morgen – Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“ zitiert:

„Frauen, die sich selbst erfinden, dürfen sich nicht von der Vergangenheit fesseln lassen, sondern müssen ihren Blick auf die Zukunft richten.“

Wenn ich all den von dir so fein nachgezeichneten Lebenswegen folge, wird diese existentielle Voraussetzung spürbar – und das Anderssein verliert an Einsamkeit.


Wer die Originallaudatio von Elisabeth Tworek nachlesen will (es lohnt sich!), findet sie unter dem Titel
Ein Mensch ohne Vorurteile, ohne traditionelle Fesselnim Literaturportal Bayern.


Mehr zu Gunna Wendt im GdS-Blog:




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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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