Heute… mit der Freundin zum Heulen gegangen.
😭
Im Gärtnerplatztheater lief nämlich „La Traviata„. Das ist meine absolute Lieblingsoper, seit mich meine Eltern mit elf Jahren mit eben diesem Werk in die Weihen des Bildungsbürgertums einführten. Seit damals bin ich angefixt. Als Teenager standen die LPs aller vier Akte bei mir im Plattenregal neben Smoke on the Water. Bis heute kenne ich die Oper passagenweise auswendig und habe Aufführungen unter anderem in der Mailänder Scala, an der Bayerischen und an der Berliner Staatsoper gesehen.
Doch obwohl ich in kluger Voraussicht keine Aufführung ohne Kleenex besuche, hat mich keine so emotionalisiert wie die heutige im vergleichsweise kleinen Gärtnerplatztheater. Das lag an der Inszenierung, die mir etwas zumutete, was ich bislang bei Opern zu hassen glaubte: Sie entfernte die Ausstattung komplett vom historischen Kontext, sodass die Handlung ebenso gut heute hätte spielen können – losgelöst von den Konventionen, die Ende des 19. Jahrhunderts noch wesentlich menschenverachtender daherkamen als heutzutage.
„Wenn die Stimme der Ehre noch nicht ganz in dir verstummt ist…“ – mit diesen Worten beschwört der Vater seinen Sohn, sich aus der in seinen Kreisen als skandalös geltenden Beziehung mit der Geliebten zu lösen, denn diese war zuvor eine Kokotte. Doch die zeitlos gestalteten Outfits lassen nicht zu, dass man sich schmachtend in ein Melodram aus alten Zeiten flüchtet, sondern halten einem selbst den Spiegel vor. Da wird der Traum vom Liebesglück mit einem beinahe zynischen Realismus karikiert, in dem man die eigenen zerbrochenen Hoffnungen wiederfindet, die sich im Lauf eines Lebens so ansammeln. Und so weinte ich dieses Mal nicht nur um Violetta, sondern auch um das Unwiederbringliche in meinem Leben. Der Teenager von damals prallte auf die Gaby von heute – das scheinbar grenzenlos Mögliche auf das hoffnungslos Abgeklärte.
Eine Etage tiefer war es dann an der Freundin, zu weinen.

Da sie um einiges jünger ist, war die Quelle ihrer Tränen keine derart existenzielle, sondern eher eine nostalgische: In der Kellerbar des Theaters sang nämlich Joelma Marques Bossa Nova vom Feinsten. Eigentlich ist sie promovierte Philosophin, spezialisiert auf Fragen im Spannungsfeld zwischen Philosophie und KI, verdient sich jedoch momentan ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Auftritte als Sängerin. Der Gesang in portugiesischer Sprache rührte wiederum meine ukrainische Freundin Lena zu Tränen, die gerade aus Lissabon zurück ist und am liebsten dort geblieben wäre.

Am Klavier begleitet wurde Joelma von Alexandra Fischer (s. Titelcollage), einer langjährigen Bekannten noch aus der Zeit, als ich in Wolfi Kornemanns legendärem Nachtcafé für PR und Veranstaltungen verantwortlich zeichnete. Alexandra gehörte damals zum angesagten Act Disco Train, mit Joseph Hannesschläger als Frontmann. Der ist inzwischen verstorben, wie Wolfi und die Band Geschichte. Und so nahm auch diese Begegnung eine nostalgische Wendung, wenngleich zuvor die Leichtigkeit der Bossa die Schwere der italienischen Oper ausgeglichen hatte.

FAZIT
Ein derart hochemotionaler Abend ist nicht jedermanns Sache. Ich jedoch gönne ihn mir ab und an mit gusto, weil er mir hilft, Tiefen in mir auszuloten und mich am Nabel des Lebens zu fühlen. Das lässt sich nur mutterseelenallein bewältigen oder mit einer kongenialen Freundin wie Lena.

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