Ida Dehmel – „Jeder fühlt sich selbst reich, wenn sie kommt“ – Gunna Wendts Würdigung der GEDOK Gründerin, Salonnière, Muse und Frauenrechtlerin – Gastbeitrag

“Ich glaube allmählich, dass die Menschen Freunde brauchen für sich selbst. Sie wollen nicht selbst Freunde sein. Ich will ganz still werden.“

Ida Dehmel

Eine Aussage, die nicht nur für Freundschaft gilt, eins der Lebensthemen Ida Dehmels. Sie blieb nicht lange still, sondern entwickelte daraus die Maxime ihres Handelns: Nicht haben wollen, sondern geben. Nicht warten, bis etwas geschieht, sondern selbst aktiv werden.

Bis heute ist die Netzwerkerin und Salonniére Ida Dehmel nicht adäquat gewürdigt worden. Netzwerkerin war sie schon 100 Jahre bevor dieser Begriff in aller Munde waren. Damit verbunden waren Selbstreflexion und Selbstkritik. Die ließen sie zu dem Schluss gelangen, dass ihre eigenen künstlerischen Talente begrenzt waren, besonders die literarischen, wie ein Brief an den Dichter Stefan George zeigt, mit dem sie schon früh eine enge Freundschaft pflegte. Als George versuchte, sie als Mitarbeiterin im Sinne von Lektorin zu gewinnen, schrieb ihm die 22jährige im Dezember 1892:

“Mein Reich ist nicht die Sprache – ich kann mich nur in Tönen ausströmen, vielleicht auch in Farben. Wenn ich an meinem Flügel sitze, bin ich Musiker, Maler und Dichter in einem – ich habe aber noch nie Worte gefunden, die genügen, mein Empfinden auszudrücken.”

Sie beließ es jedoch nicht bei der Ablehnung seines Angebots. Stattdessen empfahl sie ihm den Dichterkollegen Richard Dehmel als Mitarbeiter, durch dessen Dichtungen “ein großer Zug” gehe, an dem sie viel Freude gehabt habe. Schon früh hatte sie die Fähigkeit entwickelt, künstlerische Qualität zu erkennen – sogar zu einem Zeitpunkt, an dem sich diese noch gar nicht entfaltet hatte. Sie erahnte das Potential, das in einem Werk und seiner Schöpferin oder seinem Schöpfer steckte. Nur was sie selbst betraf, war vor Fehleinschätzungen nicht sicher, wie ein weiterer Brief an Stefan George zeigt. Darin heißt es:

“Ich trinke den Frühling in mich hinein mit gierigen Zügen. Ich schwelge in dieser jungen herben Luft und in dem unbeschreiblichen Farbenspiel. Diese braunen Töne an den Felsen und welken Blätter, dazu das junge Grün, das Rosa in den Steinbrüchen und das Blau des Himmels und des Rheins – ich wollte, ich hätte diese Farben auf meiner Palette. Aber ich könnte doch nur ein Eckchen dieses Weltwunders wiedergeben und das wäre, als ob man das Meer an einem Glas demonstriert.”

Letzteres war ihr zu wenig – ihr Anspruch war hoch – doch befand sie sich bei der Suche nach Worten, die ihr Empfinden ausdrückten, zumindest auf einem vielversprechenden Weg, wie Schilderungen in ihren Briefen zeigen, in denen sie Pathos mit Alltäglichkeit auf originelle Weise miteinander verbindet. Ihre Erkenntnisse über sich selbst, auch oder gerade wenn es schmerzhafte waren, führten keinesfalls zu Resignation. Mit einem “jetzt erst recht” trat sie ihnen mutig entgegen, um dann das zu tun, was sie gut konnte: kreative Menschen – Frauen und Männer – miteinander bekannt zu machen und auf ihrem künstlerischen Weg zu unterstützen.

Erste Station war ihr anspruchsvoller Salon, den sie nach ihrer Heirat mit Konsul Leopold Auerbach ab 1895 in Berlin führte und in dem sie neuer Kunst ein Forum bot und ein Publikum verschaffte. Damals wurde sie, angelehnt an den Ort ihres Salons, “die Tiergartendame” genannt. Bis heute teilen die Publizierenden, die über Ida Dehmel geschrieben haben – sowohl zu ihren Lebzeiten als auch im Nachhinein – Idas Selbsteinschätzung und geben sich damit zufrieden, dass sie eine begnadete Netzwerkerin, jedoch keine originäre Schöpferin war. Bei zunehmender Beschäftigung mit ihr drängt sich allerdings die Frage auf: Was wäre gewesen, wenn sie von jemandem in ihrer künstlerischen Arbeit ermutigt worden wäre, so wie sie es bei anderen lebenslang getan hat? Vielleicht mehr Gedichte wie dieses:

“Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben?
– Mein Leben.”

Ida Dehmel wurde am 14. Januar 1870 als viertes Kind des Weinhändlers Simon Coblenz und seiner Frau Emilie in Bingen geboren. Sie erhielt zunächst Privatunterricht, nach dem frühen Tod der Mutter besuchte sie ein Pensionat in Brüssel. Schon als Jugendliche zeigte sie großes Interesse an Literatur, Musik und Malerei. Unter dem Druck der Familie wurde Ida Coblenz 1895 die Ehefrau des Berliner Konsuls Leopold Auerbach, dessen Vermögensverhältnisse ihr erlaubten, in Berlin einen künstlerischen Salon zu führen.

Dort lernte sie den verheirateten Dichter Richard Dehmel, dessen Werke sie schätzte, persönlich kennen und lieben. 1901 heirateten Ida und Richard Dehmel, die sich beide von ihren Ehegatten scheiden lassen hatten. Das Paar zog nach Hamburg-Blankenese. An Richard Dehmels Seite verkörperte Ida die Rolle der Künstlergattin, Muse und Managerin. Sie inspirierte ihn zu seinen Werken, so dass sie der befreundete Dichter Alfred Mombert, “die besungenste Frau der neueren Zeit” nannte.

Ida Dehmel liebte es, mondän aufzutreten und sich selbst zu inszenieren: moderne Reformkleider, exquisiter Schmuck, einstudierte Posen.

Eine Frau in vintage Kleidung betrachtet liebevoll einen Blumenvase mit Sonnenblumen und anderen Blumen.

Achtmal ließ sie sich von der berühmten Malerin Julie Wolfthorn portraitieren. Wie sie sich ein ideales Frauenporträt, “des Weibes ganze Herrlichkeit”, vorstellte, verriet sie der Künstlerin im Dezember 1896 in einem Brief:

“Alles wird hell, wenn sie kommt. Jeder fühlt sich selbst reich, wenn sie kommt. Sie wirkt erlösend. Nicht mystisch erlösend, sondern froh, frei, luftig, klar.”

Zum Schluss kündigte sie ihr Kommen zur Porträtsitzung an:

“Morgen früh werde ich brav zu Ihnen kommen und das schönste wildzärtliche Gesicht machen, das ich auf Lager habe.”


Ab 1906 engagierte sich Ida Dehmel im neu gegründeten Hamburger Frauenclub. Sie baute dort die Bibliothek auf und organisierte Vortragsveranstaltungen. Wie ihre ältere Schwester Alice Bensheimer, die in Mannheim lebte, kämpfte sie für das Frauenwahlrecht und setzte sich für wohltätige Zwecke ein. Doch ihre größte Leidenschaft gehörte der Kunst, der sie Großes für die Menschheit zutraute, wie ihr Biograf Matthias Wegner ausführt:

“Ida Dehmel träumte, bei allem Festhalten an bürgerlicher Selbstdisziplin, weiterhin unbeirrt ihren schönen Traum von einem besseren Diesseits durch den Segen der Kunst.”


Schon 1901, nach ihrer Eheschließung mit Richard Dehmel hatte sie in ihren autobiografischen Notizen verkündet:

“Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen.”


Das Ehepaar Dehmel verkehrte in Künstlerkreisen in Darmstadt, Weimar und Wien. Ida Dehmel lud nach Blankenese ein, unterstützte und inspirierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie bildende Künstlerinnen und Künstler. In ihrem Haus verkehrten u.a. Gerhart Hauptmann, Paul Claudel, Max von Dauthendey, Detlev von Liliencron.

1903 erschien Richard Dehmels Roman in Romanzen “Zwei Menschen”, als dessen Vorbilder der Dichter und seine Frau galten. Das Werk wurde ein großer Erfolg – genau wie Arnold Schönbergs Komposition “Verklärte Nacht”, zu dem er vom “Traumpaar der literarischen Jahrhundertwende” inspiriert wurde.

1912 bezogen Ida und Richard Dehmel ein vom Architekten Walther Baedeker entworfenes und
gebautes Haus in Blankenese, das sie als Gesamtkunstwerk gestalteten. Zu Richard Dehmels50. Geburtstag wurde es ihm von seinem großen Freundeskreis geschenkt. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich sowohl Richard Dehmel als auch Idas Sohn aus erster Ehe, Heinz Lux Auerbach, als Freiwillige an die Front. Der Tod ihres Sohnes 1917 in Frankreich traf Ida Dehmel tief. 1920 ereilte sie ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: Ihr Ehemann starb an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung.

Ein modernes, dreigeschossiges Haus mit einer gelben Fassade, einer gewölbten Eingangstreppe und einem Satteldach. Umgeben von einem gepflegten Garten und vereinzelten Bäumen.

Nach Richard Dehmels Tod widmete sich Ida Dehmel der Pflege seines literarischen Nachlasses. Der Verkauf des von ihr angelegten Dehmel-Archivs an die Stadt Hamburg ermöglichte es, das Dehmel-Haus als Erinnerungsort weiter zu erhalten. Ida Dehmel betrieb außerdem eine Werkstatt für künstlerische Perlarbeiten und war Mitglied im Deutschen Werkbund. Sie schrieb Zeitungsartikel und Rezensionen und gehörte dem Vorstand des ersten deutschen Zonta-Clubs an. Zusammen mit der Kunsthistorikerin Dr. Rosa Schapire hatte sie 1916 den “Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst” gegründet, der zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler unterstützte und Museen mit modernen Werken ausstattete.


Ihre wirksamste und nachhaltigste Idee war jedoch die Gründung des Künstlerinnenverbandes GEDOK im Jahr 1926, der Künstlerinnen aller Sparten und Kunstförderer vereinigte.

“Wir wollen den Sammelpunkt bilden für Künstlerinnen, die sich aus der Einsamkeit ihres Lebens nach Gemeinschaft sehnen”,

kündigte sie in der Zeitschrift “Frau und Gegenwart” an.

Bis heute ist die “Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen” als “Bundesverband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstfördernden e.V” (GEDOK) das älteste und europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Kunstgattungen. Ida Dehmel übernahm den Vorsitz im Dachverband.


Einmal mehr erwies sie sich als erfolgreiche Netzwerkerin, die das Ziel der Förderung und Gleichstellung von Künstlerinnen verfolgte. Unter ihrer Leitung bildeten sich zahlreiche GEDOK-Untergruppen: Hannover, Köln, Heidelberg, Karlsruhe, Leipzig und Berlin:

1933 wurde die Jüdin Ida Dehmel gezwungen, ihr Amt als Vorsitzende niederzulegen. Nach und nach wurden ihr die Möglichkeiten zu kunstfördernder Tätigkeit genommen.

Sie unternahm große Seereisen, kehrte aber immer wieder nach Blankenese zurück. Emigration war für sie keine Option. Sie blieb im Dehmel-Haus und
bewahrte den Nachlass ihres Mannes.

Ida Dehmel starb nach schwerer Krankheit am 29. September 1942 im Dehmelhaus. Die genauen Umstände ihres Todes lassen sich nicht eindeutig nachweisen. Obwohl im Sterberegister als Todesursache Lungenentzündung angegeben ist, geht die Forschungsliteratur seit 1967 von Freitod aus. Doch seit kurzem wird diskutiert, ob Ida Dehmel entgegen bisheriger Auffassungen eines natürlichen Todes gestorben ist.

Stolperstein für Ida Deimel, geboren in Koblenz 1870, geflohen in den Tod am 29. September 1942 in Hamburg.

“Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.”

Ida Dehmel: * 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein; † 29. September 1942 in Hamburg


(c) Gunna Wendt, im Oktober 2026


EPILOG:

Obiger Text war Gunna Wendts Beitrag zum „Fest für Ida“, mit dem die GEDOK anlässlich ihres 100jährigen Bestehens an ihre Gründerin erinnerte.

Ich finde, diese Kurzbiografie schreit geradezu danach, die Grundlage für eine ausführliche Biografie aus der Feder dieser Schriftstellerin zu bilden! Ida Dehmels Persönlichkeit und Wirken erfüllen alle Kriterien, um sich in die erlesene Riege weiblicher Protagonistinnen einzufügen, die Gunna Wendts literarisches Werk bevölkern.

Ehrenplatte zu Ida Dehmel, die 1926 die Künstlerinnen-Gemeinschaft GEDOK im Hamburger Hof gründete. Sie setzte sich für die Rechte der Frauen ein und wurde 1942 während des Nationalsozialismus verfolgt.

Titelcollage, oben Sylvia Hewig-Tröscher, Gunna Wendt, Sabine Jörg
unten Marie Schmalhofer, Miku Nishimoto-Ne;
gepostet von Gunna Wendt, die dazu schrieb:

Ein wunderbares „Fest für Ida“ war das gestern Abend in der Isarphilharmonie: ein literarisch-musikalischer Salon, in dem sich Autorinnen, Musikerinnen, Komponistinnen und ein tolles Publikum trafen, um 100 Jahre GEDOK zu feiern. Vielen Dank den Initiatorinnen Barbara Hesse-Bachmaier und Sabine Jörg.


Gunna Wendt:
Schriftstellerin/Biografin und Ausstellungsmacherin



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