Ein Abend spiritueller Verbundenheit in der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, begleitet von Dreharbeiten des BR zu einer Terry Schwartzberg gewidmeten Folge der „Lebenslinien“: Nachlese und allgemeine Betrachtungen zum jüdischen Leben in München
Als der Rabbiner und die Gemeinde ihre Gesänge anstimmten und die uralten Texte rezitierten, war es mit einem Schlag wieder da: das Gefühl einer tiefen Verbundenheit mit dem Judentum. Zwar wurde vorwiegend auf Hebräisch gebetet und gesungen, und das Gebetsbuch wurde – für mich ein anfangs ungewohntes und leicht verwirrendes Novum – von rechts nach links geblättert.
Doch es war gar nicht nötig, alles intellektuell zu erfassen. Sobald ich mich innerlich öffnete, bahnte sich das Spirituelle ganz von alleine den Weg – eine Erfahrung, die ich in Gottesdiensten immer wieder mache, völlig unabhängig von Konfession und Sprache. Auf den jüdischen Glauben trifft dies umso mehr zu, weil er das Fundament meines eigenen, christlichen Glaubens bildet. Hinzu kommt die historische Verwobenheit jüdischer Kultur mit der deutschen Geschichte.
Sakrale Gegenstände in einer Vitrine bei Beth Shalom
Kulturelles Engagement und politische Zerwürfnisse
Als ich 1994 meine Tätigkeit als Kulturveranstalterin aufnahm, stand daher für mich ausser Frage, dass jüdische Kunst und Kultur von Beginn an ein selbstverständlicher Bestandteil meines Programms sein würden. Ebenso gehörten Besuche der Jüdischen Kulturtage jahrelang fest zu meiner Agenda. Das änderte sich jedoch grundlegend, als ich bei einflussreichen Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) in Ungnade fiel.
Die Gründe dafür waren vielschichtig: Zum einen war es zu privaten Unstimmigkeiten gekommen. Zum anderen spielte meine Haltung eine Rolle, dass ich Gottes Volk Israel nicht mit der Politik des aktuellen Staates Israel unter Benjamin Netanjahu gleichsetze. Zudem hatte ich in meinem GdS-Blog öffentlich kritisiert, wie die IKG und ihre Langzeitpräsidentin Charlotte Knobloch gelegentlich auf die kulturelle Vielfalt und die Meinungsfreiheit in unserer Stadt einwirk(t)en. > LINK; Meine Kritik richtete sich insbesondere gegen den Widerstand zur Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer sowie gegen das Vorgehen gegenüber unliebsamen AktivistInnen, wie etwa jenen der IFFF– Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (Verliehen aber nicht vergeben – Zwischen Posse und Politikum).
In der Folge kam das Gerücht auf, ich sei eine Antisemitin. Die Hartnäckigkeit, mit der sich diese Anschuldigung hält, und die daraus resultierenden Distanzierungen belasten mich bis heute. Denn gerade das Engagement für die jüdische Kultur stand schon am Anfang meines Wirkens als Kunst- und Kulturschaffende mit stark multikulturellen und interreligiösen Bezügen. Fortan mied ich die IKG-nahen Kreise in München und arrangierte mich notgedrungen mit der mir diesbezüglich aufgezwungenen Rolle einer Persona non grata.
Ein neues Ankommen bei Beth Shalom
Doch hier, im Kreis der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, schienen die spannungsgeladenen Jahre wie weggewischt. Schon beim Betreten der Räumlichkeiten, und mehr noch jetzt, als Gläubige unter Gläubigen, umfing mich das Gefühl, in dieser jüdischen Gemeinschaft aufrichtig willkommen zu sein. Das berührte mich tief – auch, weil ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, dieses erneute Ankommen im Judentum schon so lange vermisst hatte.
Auch mein Freund Terry Swartzberg – ein hochmotivierter „ethical campaigner“, wie er sich selbst bezeichnet und dessen Einladung ich gefolgt war – sah sich in der Vergangenheit heftigem Gegenwind ausgesetzt.
Insbesondere sein unermüdlicher Einsatz für die Verlegung von Stolpersteinen in München zum Gedenken an die Opfer des Holocaust stieß bei der IKG und namentlich bei Charlotte Knobloch auf erbitterten Widerstand (> Terry Swartzbergs Steine des Anstosses). Während IKG-nahe Kreise dieses Gedenkprojekt in München bis heute vehement ablehnen, ist es Terry mit pfiffigen Kampagnen und alternativen Lösungen gelungen, sich durchzusetzen und die lokale Erinnerungskultur ein großes Stück voranzubringen.
Insbesondere für dieses Engagement wurde er im Jahr 2025 von der Stadt mit der Medaille „München leuchtet“ geehrt.
Das Foto zeigt Terry vor dem Gottesdienst in Beth Shalom mit einem Gemeindemitglied und Gebetsbüchern
Aktuell steht Terry für die renommierteBR-Dokumentarreihe Lebenslinienvor der Kamera. Da Spiritualität für ihn eine zentrale Lebensader ist, lag es nahe, ihn auch beim Gottesdienst in der liberalen Gemeinde zu filmen.
Die verborgene Tradition des liberalen Judentums
Bis ich Terry Swartzberg kennenlernte, wusste ich ehrlicherweise gar nicht, dass es eine liberale Strömung im Judentum gibt – erst recht nicht hier in München. Mein Bild war lückenhaft: Ich kannte durch ihr markantes äußeres Erscheinungsbild vor allem die Ultraorthodoxie und hielt ansonsten die IKG für die einzige gängige Repräsentanz jüdischen Lebens und Glaubens in der Stadt. Terry öffnete mir die Augen für diese lebendige, progressive Gemeinde, der er sich vor einigen Jahren mit vollster Überzeugung angeschlossen und seinen Weg im reiferen Alter mit einer traditionellen Bar Mizwa besiegelt hat.
Terry Swartzberg und Gabriela Schneider vor Beginn des Gottesdienstes
Den Gottesdienst hielt Rabbiner Dr. Tom Kučera. Seine Ordination am Abraham Geiger Kolleg im Jahr 2006 war die erste feierliche Rabbinerordination in Deutschland seit der Schoa. Damit schließt sich ein historischer Kreis: Bis zur Shoa war der Gottesdienst in der ehemaligen Münchner Alten Hauptsynagoge stark vom Reformjudentum geprägt und diese progressive Strömung in München sogar führend!
Diesen historischen Hintergrund erläuterte mir beim anschließenden Essen Ines Ruth Rattan (Foto)
Sie engagiert sich im Gemeinderat von Beth Shalom und gehört der Gemeinde seit gut 31 Jahren an – also seit sich in den 1990er Jahren wieder verstärkt liberale Gemeinden in Deutschland gründeten.
Der Wandel nach der Schoa und das Streben nach Sichtbarkeit
Dass sich die heutige IKG fest am traditionellen Judentum orientiert, liegt historisch am Zuzug orthodox geprägter Jüdinnen und Juden aus Osteuropa, die das jüdische Leben in München nach 1945 neu aufbauten. Exemplarisch dafür steht der Werdegang des aus Polen stammenden Dr. Simon Snopkowski, einer respekteinflößenden Persönlichkeit, der auch ich in meinen Anfängen einiges an Unterstützung verdankte. Mit nur 16 Jahren verhaftet, überlebte er jahrelange Zwangsarbeit in mehreren Konzentrationslagern und entschied sich dennoch bewusst, in Deutschland zu bleiben. Als langjähriger Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (1971 – +2001) wurde er zu einer maßgeblichen Stimme des bayerischen Judentums und festigte jene traditionelle Ausrichtung, die in der IKG bis heute vorherrscht und ihr Zentrum in der neuen Hauptsynagoge Ohel Jakob am Sankt-Jakobs-Platz hat.
Im Vergleich dazu wirken die aktuellen Räumlichkeiten von Beth Shalom bescheiden und müssen aus Sicherheitsgründen unauffällig bleiben: Es gibt kein Hinweisschild an der Tür des Wohnhauses.
Dass jüdisches Leben heute hinter Stahltüren und unter Videoüberwachung stattfinden muss, empfinde ich als Schande und historischen Rückschritt!
Das Foto zeigt die bewusst neutral gehaltene Eingangstür zur GemeindeBeth Shalom
Ansicht des Andachtraums von Beth Shalom
Doch ein eigener Synagogenbau für Beth Shalom ist längst in Planung, wie mir Ralph Deja erzählte, ein geschätzter Weggefährte in Zusammenhang vor allem mit dem interreligiösem Dialog.
Ralph engagierte sich zudem viele Jahre im Vorstand von Chaverim e.V., dem Freundeskreis zur Unterstützung der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, um ihr zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.
Auf der Homepage von Beth Shalom ist nachzulesen > LINK
(…) „Eine neue liberale Synagoge von Beth Shalom soll im Zentrum Münchens entstehen. Der geplante Bau wird nach einem Entwurf des Architekten Daniel Libeskind gestaltet und verbindet moderne Architektur mit symbolischer Tiefe.
Diese liberale Synagoge in München wird Ort des Gebets, Lernens und auch der Begegnung sein. Historisch knüpft sie an die liberale Hauptsynagoge an und wird so, nach der Wiedererrichtung der orthodoxen Synagoge Ohel Jakob am St.-Jakobs-Platz und der Renovierung der Synagoge in der Reichenbachstraße, die letzte von den Nationalsozialisten gerissene Lücke füllen. (…)“
Quelle: Homepage der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München > beth-shalom.de/
Ein Abend des Verbindenden
Für diesen Bau sowie das weitere Wachstum drücke ich Beth Shalom fest die Daumen – auch deshalb, weil hier das Vereinende offensichtlich zählt. Es war sicher kein Zufall, dass ich an diesem Abend auf verschiedene Vertreterinnen und Vertreter meiner eigenen, herrlich bunten Blase traf: Neben Ralph Deja waren auch die Pfarrerin und Kulturveranstalterin Sabine Böhlau (Kairosis) sowie der Historiker Albert Knoll, Erster Vorsitzender des Forums Queeres Archiv München e.V., gemeinsam mit seinem Mann zu Gast.
links Pfarrerin (EKD) und Kulturveranstalterin Sabine Böhlau mit Kantor Nick Gordon rechts Historiker Albert Knoll, Forum Queeres Archiv München
Schön war auch zu sehen, dass viele der anwesenden Männer eben jene von Terry selbst entworfene Friedenskippa trugen, die er auch Alexander Diepold und mir zum Jubiläum mit den Sinti und Roma im soziokulturellen Zentrum Madhouse überreicht hatte. Für Terry selbst ist das Tragen einer Kippa längst zu einem Teil seines jüdischen Selbstverständnisses geworden. Seit 2012 trägt er sie auch außerhalb der Gottesdienste ständig und besitzt inzwischen unzählige Kippot, für alle nur erdenklichen Anlässe. > (….MEHR)
Der Kameramann des BR und ein Gottesdienstbesucher tragen Terry Swartzbergs Friedenskippa
Bei einem üppigen Abendessen – einer Tradition, wie sie dieses gastfreundliche Volk seit Jahrtausenden pflegt und aus der das christliche Abendmahl hervorging – ließen wir das uns Verbindende in kulinarischer Geselligkeit und nachdenklichen Gesprächen hochleben, bis der Bund sehr zu spannen begann 😉 .
Mein FAZIT:
Mit seinem Verein J.E.W.S. (Jews Engaged With Society e.V.) setzt sich Terry unermüdlich für ein sichtbares, freudiges Judentum ein. Diesen Abend habe ich als ein herzerwärmendes Beispiel dazu erlebt.