Manchmal begegnen einem diese magischen Momente, in denen die Welt für ein paar Stunden genau so funktioniert, wie sie sollte: voller Wärme, ohne Vorurteile und getragen von tiefer, menschlicher Verbundenheit. Genau so ein Erlebnis schenkte mir die zweite Ausgabe der neuen Veranstaltungsreihe „DreiMahl“.
„(…) ein dialogorientiertes Begegnungsformat, das Menschen mit unterschiedlichen politischen Haltungen durch gemeinsames Essen zusammenbringt. DreiMahl– drei Begegnungen, drei Orte, eine gemeinsame Zukunft (…)“
https://kairosis.de/aktuelle-projekte/dreimahl/
Aufmerksam geworden auf dieses neue Kulturangebot bin ich, da zwei der drei Initiatoren zu meinem engen Umfeld zählen: der jüdische Aktivist Terry Swartzberg (J.E.W.S. – Jews Engaged With Society), der sich unter anderem als Vorsitzender der Initiative „Stolpersteine für München. e.V. leidenschaftlich für die Erinnerungskultur einsetzt, sowie die evangelische Pastorin und Kulturmanagerin Sabine Böhlau (Kairosis) – die beide sogar Tür an Tür wohnen! Die Dritte im Bunde ist Elif Tan: Als Kopf der Frauen- und Jugendplattform bei IDIZEM e.V. sowie im Stadtbund Münchner Frauenverbände setzt sie sich seit Jahren für interkulturellen Dialog und Brückenbau ein.

Inmitten einer 40köpfigen, wunderbaren Gemeinschaft aus kulturpolitischen WeggefährtInnen, FreundInnen und bis dato völlig Unbekannten durfte ich mich durch einen Münchner Abend treiben lassen – von einer überraschenden Station zur nächsten.

„Zu kommen und zu staunen“ forderte das Motto über dem Büffet mit köstlichen jüdischen Süßspeisen uns an Station 3 auf. Tatsächlich aber galt dies für den gesamten Abend, denn Gründe zum Staunen – ob kulinarisch, optisch oder zwischenmenschlich – waren an jeder Station dieses Running Dinners geboten.
Foto: Lena Zöllner, der kleine Romeo Kis und ich staunten um die Wette, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen 😉
Quelle.: Michael Stephan, ehem. Direktor des Münchner Stadtarchivs
Station 1: Das soziokulturelle Zentrum Madhouse für Sinti & Roma

Foto: Jetro ist Mitarbeiter bei Madhouse, genauso wie Brigitte Kis, die ihm auch beim Kochen tatkräftig zur Seite stand, während ihr Söhnchen Romeo den Napoleon gab
So kredenzte uns mein lieber Freund Johann „Jetro“ Mettbach bei Madhouse München, dem soziokulturellen Zentrum für Sinti und Roma (Station 1), „Mamis arme Leute Suppe“ – eine wahre Wundersuppe nach einem Rezept seiner Großmutter. Er bewies damit eindrucksvoll, dass sich aus einfachen Zutaten ein wahres Festmahl zaubern lässt, denn diese Suppe schmeckte und sättigte uns alle vorzüglich!


- Links: Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm im Konferenzsaal von Madhouse München
- Rechts: Gastgeber und Madhouse-Begründer Alexander Diepold mit Film/Theaterlady Christine Willschrei
Station 2: Das soziokulturelle Zwischennutzungsprojekt Neuperland


Multikulti-Kiosk und Box-Automat:
Nur zwei von vielen Elementen zur Freizeitgestaltung auf dem Hanns-Seidel-Platz
Wundersames begegnete uns auch in Neuperlach: Mitten auf dem Hanns-Seidel-Platz pulsiert das Leben. Mit NEUPERLAND ist dort ein lebendiges, soziokulturelles Zwischennutzungsprojekt entstanden, das eine ehemals brachliegende Fläche in eine bunte Oase für alle Generationen verwandelt. Ob Flohmärkte, Streetsoccer oder Kreativworkshops – hier steht das nachbarschaftliche Miteinander im Vordergrund. Initiiert wurde das Projekt von Günes Seyfarth und Michi Kern, gefördert durch die LH München sowie den Freistaat Bayern im Rahmen des Sonderfonds „Innenstädte beleben“, der Städte, Märkte und Gemeinden bei der Stärkung ihrer Ortskerne unterstützt.
Leider läuft diese Zwischennutzung jetzt plangemäß aus. Das heißt konkret: Die Betreiberinnen sind ihren Job los. Genau dieser Mangel an Nachhaltigkeit bei solchen Interimsprojekten stimmt mich skeptisch: Kaum baut jemand mit Herzblut und Mühe etwas in Richtung Utopie auf, ist auch schon wieder Schicht im Schacht – und jemand anderes darf mühsam bei Null beginnen. Sisyphos grüßt mit seinem Stein!
Trotzdem zeigten sich die Betreuerinnen während der Vorstellung von Neuperland (Fotos) erstaunlich aufgeräumt. Der Grund: Das Projekt soll unter neuer Leitung zumindest in ähnlicher Form weitergeführt werden. Idealismus als Seelenbalsam eben…




Mit Einbruch der Dämmerung und zunehmendem Regen ging es rasch weiter zur zweiten Dinner-Location: einer Mischung aus Galerie und zweiräumigem Blockhaus mit bunt bemalten Innenwänden. Hier überraschte ein afghanischer Fotograf mit einer Ausstellung außergewöhnlicher Momentaufnahmen seiner Heimat. „Damit präsentiere er eine Seite seines Landes, die leider im Ausland kaum wahrgenommen werde,“ erläuterte er. Zwei seiner Bilder sind auf dem nächsten Foto im Hintergrund zu sehen, direkt hinter Elif Tan im Gespräch mit Claudia Stamm.

Die Politaktivistin in Neuperland zu treffen, fiel ebenfalls in die Rubrik „Unerwartetes“, da sie sich ganz spontan zur Teilnahme entschlossen hatte. Meine Freude war wie immer groß: Claudia inspiriert mich, weil sie sich niemals mit Vordergründigem zufriedengibt, sondern ohne taktische Rücksichten bis zum Kern der Themen vordringt – genau dorthin, wo es schmerzt, aber auch angesetzt werden muss. Sie und Elif schienen sehr vertraut miteinander zu sein, genau wie Claudia und Dr. Michael Stephan.

Der ehemalige Leiter des Münchner Stadtarchivs im Rang eines Stadtdirektors saß bei dieser Station neben mir – eine wunderbare Gelegenheit, mehr über seine vielseitigen kulturellen Aktivitäten und Verbandsmitgliedschaften zu erfahren. Michael gehört ohne Zweifel zum zeitgenössischen Münchner Kulturestablishment, ganz in der Tradition jener historischen Persönlichkeiten unserer Stadt, deren Namen heute die Straßenschilder zieren. Er teilt jedoch weder jenes elitäre „Mia-san-mia“-Bewusstsein noch die Arroganz und Ausschließlichkeit, die Teile dieses Zirkels seit jeher prägen. Im Gegenteil.
Entsprechend kurzweilig und informativ war die Tischrunde mit ihm, Claudia und Elif, die ich an diesem Abend zum ersten Mal traf. Genau das zeichnet dieses Dinner-Format aus: In puncto Begegnung führt hier der Zufall Regie. Bei jeder Station und auf den Busfahrten dazwischen werden die Karten neu gemischt. Theoretisch droht dabei natürlich auch mal eine Niete – doch unsere Truppe hatte den perfekten gemeinsamen Nenner: ein klares Ja zu einer inklusiven und diversen Stadtgesellschaft. Das war bereits die halbe Miete für einen inspirierenden Abend!
Station 3; Trödel, Kunst & Kneipe

Die dritte und letzte Station des Abends sorgte für einen weiteren Überraschungsmoment: Ein Gruselkabinett im Schaufenster von „Trödel und Kunst“ im Gärtnerplatzviertel (Rumfordstraße 32/Ecke Klenzestr.) bildete das sinistre Empfangskomitee.


Die Location entpuppte sich als charmante Mischung aus vollgestopftem Trödelladen, Kunstgalerie und gemütlicher Nachbarschaftskneipe. Genau das richtige Kontrastprogramm für den Ausklang unserer interkulturellen Dinner-Sause durch die Stadt, an der auch Ladeninhaber Florian teilgenommen hatte.

Seinen Laden betreibt Florian mit Hingabe und nutzt den kreativen Raum gleichzeitig als Werkstatt wie auch als Galerie, schenkt zudem an der kleinen Theke Bier oder Kaffee aus und lädt seine Gäste bis zum Ladenschluss um 20:00 Uhr zum Verweilen, Stöbern und Fachsimpeln ein.

Für uns blieb die Tür jedoch länger geöffnet, um das Finale der Tour voll auszukosten: eine jüdisch inspirierte Symbiose aus süßen Gaumenfreuden und feinen Klängen..

Zwei Mitglieder des Ensembles Zikoron spielten zum Tanz auf: Corinna Schröder (Violine) und Annette Schmidt (Gitarre). Die 2010 gegründete Münchner Formation widmet sich der Klezmer-Kammer-Musik, jiddischen Liedern sowie Einflüssen aus Folk und Swing; ihr Name leitet sich vom hebräischen Wort Zikaron für Erinnerung ab. Während der „Tanz“ an diesem Abend für die meisten Theorie blieb, lebte ihn der kleine Romeo Kis – ein Roma-Junge mit ungarischen Wurzeln – hingebungsvoll aus.
Die Musikerinnen schufen mit ihrem Spiel den Klangteppich für Gefühl pur, in das sich jede und jeder von uns auf ganz eigene Weise fallen ließ – was uns wiederum alle miteinander verband.

Inmitten dieser nostalgischen Stimmung kam es zum berührenden Höhepunkt des Abends: Terry Swartzberg, einer der drei InitiatorInnen, lud zum gemeinsamen Singen einiger bekannter jüdischer Lieder ein. Er hatte zuvor die Texte verteilen lassen – und alle sangen mit oder sprachen leise die Worte nach. Ganz gleich welchen Alters, welcher Konfession, ob mit Kippa oder Kopftuch: Ein wunderbarer Gleichklang erfüllte das Lokal und ebenso mein Herz. Weil dieser Moment so intensiv gefühlvoll war, wünschte ich mir, der Abend würde ewig dauern.

– Vielleicht sollten die weltpolitischen EntscheidungsträgerInnen öfter mal ein Lied anstimmen?
FAZIT:

Es war ein Abend, an dem 40 Menschen, die einander teilweise noch nie zuvor begegnet waren, gemeinsam Toleranz, Respekt und Neugier vorlebten. Es brauchte dafür keine großen Reden – die verbindende Haltung allein genügte.
Sabine, Elif und Terry: Ich danke euch von Herzen für eure Vision und für dieses berührende Erlebnis!
Wenn ich jetzt an das DreiMahl zurückdenke, kommt mir das berühmte Rosengleichnis Mahatma Gandhis in den Sinn. Es bestätigt die Sinnhaftigkeit dieser Unternehmung als das wortlose Setzen eines Zeichens, als lebendiger Beitrag gegen den Ungeist unserer Zeit.
Gandhi beschrieb diese Kraft des stillen Vorlebens einst mit folgenden Worten:
„Eine Rose muss nicht von ihrem Duft sprechen. Sie verströmt ihn einfach, und die Menschen werden von ihr angezogen. Lebt es vor, und die Menschen werden kommen, um die Quelle eurer Kraft zu sehen.“
Mahatma Gandhi gegenüber christlichen Missionaren
DreiMahl > https://kairosis.de/aktuelle-projekte/dreimahl/
wird gemeinsam organisiert von den Trägern
IDIZEM e.V. – J.E.W.S. Engaged with Society e.V. und kairosis gUG.
Unterstützt wird das Projekt unter anderem von
der Deutsche Bahn Stiftung, der Stiftung Winterreise, der Dr.-Buhmann-Stiftung, der anstiftung sowie der Beauftragten für interreligiösen Dialog der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
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